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  • Über die Verwendung des Raums in der mittelalterlichen Geschichte

    Hélène NOIZET, 18. Januar 2012 | 10. Dezember 2010

    Hélène NOIZET

    (Maître de conférences an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne)


    Bei den französischen Mediävisten, die sich besonders mit dem Raum befassen, können mindestens vier verschiedene Ansätze unterschieden werden. Sie verstehen den Raum als fest umrissenes Gebiet, als symbolischen Raum, als Dimension, die gleichwertig mit der Gesellschaft ist, oder noch immer als konkreten Raum. Diese großen Verwendungsbereiche können den großen Strömungen in der Historiographie (den Annales, der Nouvelle histoire und der Pragmatik) zugeschrieben werden. Sie können sich aber auch im Gesamten oder nur zum Teil bei einem Autor wiederfinden.

    Die erste Verwendung des Raums ist institutioneller Art und von der Moderne geprägt. Diese intellektuelle Haltung (die Moderne) geht auf die Veränderungen des 17. Jahrhunderts zurück, die beispielsweise von Gallilei, Descartes und Newton getragen wurden und aus der heraus die Wissenschaft entstand. Sie fußte auf der Dichotomie zwischen Objekt und Subjekt, oder anders gesagt zwischen Natur und Kultur und begründet noch heute das „inconscient scientifique“ der meisten Forscher. Diese Verwendung sieht im Raum vor allem ein fest umrissenes Gebiet (territoire). Seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts ist die Schule der historischen Geographie das beste Beispiel dafür: Sie sieht Räume als vordefinierte Rahmen an, die einander ohne größere Unstetigkeit folgen und Teil der Gesellschaftsgeschichte (Stadt, Pfarrei, Herrschaft, Diözese, Département) sind. Die Definition dieser Gebiete, oder anders gesagt dieser räumlichen Rahmen, war unmittelbar mit der Entstehung des französischen „État-Nation“ und mit der verspürten Notwendigkeit verbunden, ein „episches Bild“ seiner Geographie zu liefern (vgl. L’identité de la France von Fernand Braudel, dessen Titel ebenfalls allein schon den Vorrang offenbart, der dem nationalen Territorium zugestanden wird). Die Schule der Annales – und hier besonders die Generation, die sich in den 1950-1970er Jahren durchsetzte –, die dem Raum a priori eine besondere Stellung beimaß, hat die Ausgangssituation nicht verändert und dies umso mehr als, dass sie damals ein Projekt hatte, das man eigentlich ein regelrechter intellektueller Totalitarismus nennen muss: So galt ihr die Geschichtswissenschaft als Mutterdisziplin aller Geistes- und Sozialwissenschaften und beherrschte besonders die Geographie aber vor allem die Soziologie, die Anthropologie und die Ethnologie, die damals im Aufstieg waren. In Wirklichkeit führten die drei „braudelschen“ Zeitebenen zu drei unabhängigen Sichtweisen, die den Raum in die Kategorie der longue durée als nahezu statische Wesen ansahen und somit der Dynamik der räumlichen Formen keine Beachtung schenkten. Dieser Gebrauch, alles zu „territorialisieren“, bedeutet, jeden Raum als eine klar umrissene Oberfläche zu definieren, die ein klares Innen und Außen bestimmt. Dennoch gab es von Anfang an (Marc Bloch) und auch noch heute (Alain Guerreau, Gérard Chouquer) wohlbegründete Zweifel daran, Räume auf fest umrissene Gebiete zu reduzieren.
    Mit dem Einsetzten der Nouvelle histoire seit Ende der 1970er Jahre trat der Raum nicht mehr als eine reine, naturgegebene und neutrale Gegebenheit ins Blickfeld, sondern als Darstellung, genauso wie viele andere neue Bereiche, denen sich die Geschichtswissenschaft öffnete (der Körper, die Devianz, die Sexualität). Eine neue Frage tauchte auf: Die der Aneignung des Raums, welche daran gemessen werden kann, wie fähig eine Gesellschaft ist, symbolische Räume zu errichten. Letztere wurden ein wichtiges Thema der Mediävisten und bieten neue Forschungsgegenstände, wie beispielsweise die sakralisierten und heiligen Orte und Räume (André Vauchez), die ekklesiologischen Räume (Dominique Iogna-Prat, Michel Lauwers, Didier Méhu) als sichtbares Zeichen der irdischen Macht der Kirche, welche Gestalt annimmt und auf die Menschen „herabkommt“, und schließlich die Prozessionsstrecken, als Ausdruck fürstlicher oder städtischer Macht (Patrick Boucheron, Élodie Lecuppre-Desjardins, Olivier Richard). Diese Forschungsbereiche werden von den Historikern als ideelle Konstruktionen betrachtet, deren Wirkkraft auf die mittelalterliche Gesellschaft in ihrer symbolischen Beherrschung liegt (Pierre Bourdieu) und dies besonders durch ihre Fähigkeit, breitsinnige soziale Strukturen durch die Stilfiguren der Metonymie oder der Synekdoche zu kennzeichnen. Dieser Ansatz wird aus verschiedenen intellektuellen Strömungen – der Postmoderne, des Relativismus, des Konstruktivismus – gespeist.

    Eine andere Art, wie sich die französischen Mediävisten des Raumes bedienen – um im Bereich der Darstellung zu bleiben –, besteht darin, diesen als eine besonders wichtige, ja geradezu konsubstantielle Dimension der Gesellschaft zu sehen. Die Frage nach der Verräumlichung der Gesellschaft hat in den wichtigen Konzepten, wie beispielsweise dem incastellamento (Pierre Toubert), dem encellullement (Robert Fossier), oder auch dem inecclesiamento (Michel Lauwers) Form angenommen. Es geht darum zu zeigen, dass Veränderungen in den Darstellungen der mittelalterlichen Menschen zu finden sind. Alle Darstellungen betonen die Vorstellung eines Bruchs, von Veränderungen in den Beziehungen zwischen den Menschen und dem Raum, mit dem Beginn eines Prozesses, der die Menschen an den Raum bindet und dies allzu oft in Verbindung mit der Macht einer weltlichen oder kirchlichen Autorität. Die Verräumlichung der Diskurse, der Kategorien und der sozialen Identitäten, wie beispielsweise die des „Einwohners“ (Joseph Morsel) sind in den schriftlichen Quellen sehr deutlich zu fassen. Zeitlich konzentriert sich dies besonders auf das Hochmittelalter, also die Zeit zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert. Diese Paradigmen sind nützlich, vorausgesetzt man räumt ihnen nicht zu viel Platz ein und subsumiert darunter nicht alle Untersuchungsgegenstände, die mit Raum zu tun haben (und vor allem Gegenstände aus dem archäologischen und planimetrischen Bereich). So hat die Archäologie gezeigt, dass das Auftauchen der Burgarchitektur zeitlich nicht mit der Entwicklung des Diskurses korreliert (Riccardo Francovitch). Auf ähnliche Weise fehlen morphologische Analysen noch, um die Neuorganisierung des Landes zur Zeit des Incastellamentos zu fassen. Die neue verräumlichte Wahrnehmung der Gesellschaft darf nicht mit der räumlichen Wirklichkeit der Gesellschaft verwechselt werden, die immer unabhängig von der Darstellung existiert hat, die sich die Gesellschaft von sich selber gemacht hat.

    Eine letzte und konkretere Verwendung des Raums in Bezug auf die mittelalterliche Gesellschaft findet sich gegenwärtig bei einigen Historikern. Eine kleine Zahl von Studien möchte die physischen und sozialen Dimensionen der Räume, in denen die Akteure tätig sind, mit einbeziehen und auch auf andere Untersuchungsgegenstände eingehen, die den Raum betreffen und nicht allein aus den schriftlichen Quellen hervorgehen: nämlich die materielle (archäologische) Morphologie und die Planimetrie des Raums (in gewisser Weise Étienne Hubert und besonders Chloé Deligne, Cédric Lavigne, Sandrine Robert und ich). Die Gegenständlichkeit des Raums und die Trivialität der materiellen Formen (Abfluss, Wege, Abwasserkanäle, Gräben, Parzellierungsraster und -netze, Verhältnis zwischen Weg / Parzelle / Gebäude) wird zur Geltung gebracht, nicht aber im Sinne einer Rückkehr zum geographischen Determinismus, sondern mit dem Willen, die moderne Dichotomie zwischen Natur und Kultur zu überwinden. Es geht darum, die große Überschneidung des Physischen und des Sozialen in der räumlich-sozialen Wirklichkeit zu zeigen. Dieser Ansatz, der großen Wert auf das Materielle des Raumes legt, führt dazu, dass man sich von gewissen chronologischen Kategorisierungen befreien muss (so zum Beispiel die klassische Aufteilung der Geschichte in die „quatre vieilles“, nämlich in vier Epochen: die Alte Geschichte, die mittelalterliche Geschichte, die Moderne Geschichte und die Zeitgeschichte, mit all ihren Untergliederungen). Es geht darum, auf lange Sicht hin zu arbeiten und die räumlich-zeitlichen Modalitäten zur Geltung zu bringen, die den räumlich archäologischen und planimetrischen Untersuchungsgegenständen zu Eigen sind.


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  • Bibliographie

    Hélène NOIZET, 23. Januar 2012 | 18. Januar 2012

    Über die Verwendung des Raums

    - Construction de l’espace au Moyen Age: pratiques et représentations, XXXVIIe Congrès de la SHMES (Mulhouse, 2-4 juin 2006), Paris, Publications de la Sorbonne, 2007.
    - CHOUQUER Gérard, Traité d’archéogéographie. La crise des récits géohistoriques, Paris, Errance, 2008.
    - Les territoires du médiéviste, Benoît Cursente und Mireille Mousnier (Hgg.), Rennes, Presses Universitaires de Rennes, 2005.
    - DOSSE François, L’histoire en miettes. Des Annales à la « nouvelle histoire », Paris, La découverte, 1987 (N.A. 1997).
    - GUERREAU Alain, L’avenir d’un passé incertain. Quelle histoire du Moyen Âge au XXIe siècle?, Paris, Le Seuil, 2001.
    - Les formes de l’expérience. Une autre histoire sociale, Bernard Lepetit (Hg.), Paris, Albin Michel, 1995 (L’évolution de l’humanité).


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