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  • Über den Gebrauch des (spätmittelalterlichen) Steuerwesens in der Mittelalterlichen Geschichte

    Lydwine SCORDIA, 14. September 2016

    Lydwine SCORDIA

    Maître de conférences à l’Université de Rouen


    Das Steuerwesen umfasst gleichzeitig Gesetzgebung, Verwaltung und die verschiedenen Arten der Geldabschöpfung auf eine Bevölkerung. Es hängt von einer Entscheidungskraft ab, die es rechtfertigt. Es setzt eine Definition der steuerpflichtigen Personen und Güter voraus, ohne die praktische Umsetzung der Einziehung zu vergessen. Verständlicherweise bringt eine solche Definition Kollegen und Studierende dazu, nur widerwillig ein derart glanzloses Gebiet zu erforschen, das noch durch die unvermeidliche geistige Assoziation verschärft wird, die vom Studium des mittelalterlichen Steuerwesens auf die heutige steuerliche Wirklichkeit verweist. Kurz gesagt erscheint das Steuerwesen als ein schwieriges Thema. Oder vielmehr ein heikles, denn es besteht aus Theorie, Wertvorstellung und Notwendigkeiten und es betrifft das Eigentum, das Geld, den Status von Personen und Gütern, die Macht und ihre Repräsentation.
    Vom Außergewöhnlichen und Besonderen wird die Steuer am Ende eines von Unterbrechungen gekennzeichneten und zögerlichen Prozesses zum Gewöhnlichen und Normalen: In Frankreich führt Karl VII. durch die Verordnung von 1445 ein stehendes Heer und gleichzeitig die Steuer, die es finanziert, ein. Diese Veränderung, die als Gegenleistung für die Besoldung des Heeres dargestellt wird, fasst eine Reihe von Revolutionen zusammen: Die Bestätigung des königlichen Steuermonopols, die Dauerhaftigkeit der Abschöpfung, die endgültige Finanzierung der Besoldung. Darüber hinaus noch: die Veränderung von einem amtierenden Königtum, in dem der Christusartige König seine Untertanen von „seinem Eigen“ ernährt, hin zu einer Steuer-Monarchie, die vom von denen eingenommenen Geld lebt.
    Aufgrund seiner finanztechnischen, gesellschaftlichen, ökonomischen sowie politischen Inhalte ist das Steuerwesen einer der Schlüssel zum Verständnis mittelalterlicher Gemeinschaften. Über diesem Punkt herrscht bei den Historikern Einigkeit. Dies ändert sich jedoch, wenn man folgende Fragen stellt:
    - Ist die Steuer ein Schritt in Richtung moderner Staat?
    - Ist die Steuer grundlegend für das Vaterland oder die Nation?
    - Was sind die Vorbilder für das königliche Steuerwesen: das Papsttum, die Städte?
    - Ist eine Theorie der Steuer ihrer Praxis vorausgegangen oder nachgefolgt?
    - Sind die Steuertheoretiker Theologen oder Juristen?
    Die Schwierigkeit selbst, diese im Mittelpunkt von neuen Forschungen über die Staatsentwicklung stehenden Fragen zu behandeln, trägt dazu bei, aus der Geschichte des Steuerwesens eine hervorragende Beobachtungsstelle zu machen für die Veränderungen der Staatsgeschichte, nun unter produktiver Einbeziehung der geschichtswissenschaftlichen, ideologischen und ikonographischen Dimensionen. Über diese Neuerungen hinweg kann die „neue“ Geschichte des Steuerwesens wie eine Veranschaulichung der Vielfalt der Analysepraktiken des vormodernen Staats gesehen werden.
    Ein erster Ansatzpunkt ist die Lexikologie. Schon ab Ende des 13. Jahrhunderts wird die Steuer in Frage gestellt. Die Debatten betreffen die direkte persönliche Steuer mehr als die indirekten Abgaben, und die Besteuerung des Klerus mehr als die der Laien. Der französische König selbst rechtfertigt die Steuererhebungen stets mit einer Notwendigkeit, die schon per definitionem punktuell ist, und verspricht zum vorherigen System zurückzukehren, sobald die Dringlichkeit nicht mehr bestünde. Stellt dies einen der Gründe dar, warum die Bezeichnungen für die Steuer so zahlreich sind? Die Worte verändern sich, aber die Steuer wird unter einem anderen Begriff erneuert: Dies sieht man im Fall des fouage („Herdsteuer“, 14. Jahrhundert), dass dann später der taille (15. Jahrhundert) wich. Das Studium des steuerlichen Vokabulars sagt viel über die Absichten und die Bedenken der Mächtigen aus (vgl. die vergleichenden Studien der Arbeitsgruppe des Glossaire critique de la fiscalité médiévale, online verfügbar).
    Eine zweite grundlegende Dimension, die gleichzeitig historiographisch und scholastisch ist, betrifft die Ideengeschichte des Mittelalters. Sehr früh (7. Jahrhundert) hatten im Frankenreich die Chroniken eine Geschichte konstruiert, die auf der Legende einer ursprünglichen Steuerfreiheit beruht. Die Nachkommen von Francion (die Franken) wären wegen ihres Sieges über die Alanen von den Tributzahlungen an Rom befreit: Sie waren nun „frei“ (frz. franc), jedenfalls auf finanzieller Ebene. Die Bezeichnung als „Franzosen“ erinnert an diese ruhmreiche Geschichte. Hängt es damit zusammen, dass die dauerhafte Besteuerung dort eine so eigenartige Geschichte hatte im Vergleich mit anderen Ländern des lateinischen Westens? Es lässt sich in der Tat feststellen, dass der Hauptunterschied hier zwischen denjenigen liegt, die das Königreich auf einer Steuerfreiheit begründen und denen, für die das Heer und die Steuer den „modernen Staat“ begründen. Bis ins 13. Jahrhundert hinein kann der französische König von „seinem Eigen leben“, das heißt er kann mit den Erträgen aus dem Herrschaftsgebiet die königliche Regierung finanzieren. Was ihn nicht daran hindert, immer häufiger eine Ausnahmesteuer im Notfall zu verhängen, meistens zur Verteidigung des Königreichs. Wenn dieser Bedarfsfall nicht mehr gegeben ist, dann wird auch die Besteuerung wieder eingestellt (wie im Sinnspruch: Cessante causa, cessat effectus). Nun bringen aber die aufgrund des Krieges und der Entwicklung des Verwaltungsapparats erhöhten Ausgaben den königlichen Haushalt aus dem Gleichgewicht.
    Unter der Herrschaft von Philipp IV. („der Schöne“) wird die Steuer in von der Universität organisierten Debatten in Frage gestellt (disputatio de quodlibet). Das Thema der Besteuerung wurde den Lehrmeistern gestellt und diese mussten eine Pro- und Contra-Argumentation entwickeln. Die Theorie der Steuer wurde anhand der Aufzählung der Bedingungen, unter welchen sie erlaubt ist, entwickelt: Einführung durch einen Herrscher (causa efficiens) für das Allgemeinwohl (causa finalis) für genau bestimmte Personen und Güter (causa materialis) und durch die Berechnung einer sinnvollen Höhe (causa formalis). Die Lehrmeister benennen auf diese Weise die Grenzen des Steuerwesens, indem sie ihre Antworten auf Bezüge zu biblischen, philosophischen und vor allem juristischen (hauptsächlich aus dem Bereich des kanonischen Rechts) Autoritäten ausbreiten. Ihre Antworten wurden in politischen Traktaten verarbeitet wie im Quodlibet III, 27 des Franziskaners Richard von Mediavilla (1287) und wieder aufgenommen im Somnium Viridarii / Traum im Obstgarten (1376), das von Karl V. bei Évrard de Trémaugon in Auftrag gegeben wurde (LS, 1999).
    Die Aufgabe des Historikers, der sich mit dem Steuerwesen befasst, beschränkt sich nicht darauf, diese erneuerte Geistesgeschichte der Steuer über die traditionellere Geschichte der Praxis zu legen. Man muss vielmehr die Interaktionen zwischen diesen beiden Dimensionen erforschen. Die Theorie existiert schon vor dem Hundertjährigen Krieg und den hohen Ausgaben, die dieser für die Verteidigung des Königreichs mit sich bringt, oder dem Lösegeld für Johann II. nach 1356. Aber die Theoretisierung hat doch nie das Ideal einer Regierung verschwinden lassen, die „vom Eigen“ des Königs lebt – ein Ideal, das ganze Abhandlungen füllt, trotz der Tatsache, dass es nicht in die Realität umgesetzt wurde. Der steuererhebende König muss stets die Anklage über sich ergehen lassen, er reduziere seine Untertanen auf die Dienerschaft, was der ursprünglichen Freiheit entgegensteht; er mache sich bei den Seinen verhasst, die das Königreich des Tyrannen verlassen wollen. Die Steuer stellt demnach einen Antrieb für geistige und materielle Konflikte bei der Festigung der königlichen Macht dar.
    Die Steuerlandkarte des Königreichs Frankreich wird so zu einer Ansammlung vererbter, abgerungener oder auferlegter Ausnahmen. Die Steuerbefreiung (direkte Steuer) beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf Klerus und Adel. Außerdem haben einige Könige (Philipp IV., Ludwig XI. usw.) versucht, diese Privilegien abzuschaffen. So Philipp IV. in seiner wohlbekannten Argumentation, in der er die Annahme verteidigt, der Klerus profitiere ebenso wie der Rest der Bevölkerung von dem durch den König garantierten Frieden und solle somit auch seinen Teil zu den Ausgaben beitragen. Oder die Vorstöße Ludwig XI., der, nachdem er die Taille auf das Dreifache erhöht hatte, die Besteuerung der Privilegierten ins Auge gefasst hat, indem er sich an der Politik Philipp IV. inspirierte (Brief vom 23. Oktober 1482): so erlaubte er 1483 dem Klerus, dem Adel und den königlichen Amtsträgern bzw. Offizieren legalen Handel zu betreiben, um sie so besteuern zu können (J.-F.L., 2002).
    Die ideale Lösung dieser steten Spannungen zwischen Theorien, Praktiken und gegensätzlichen Ideologien (Freiheit gegen einen starken Staat) könnte nun in einem letzten Sektor (dem neuesten?) der Geschichte des Steuerwesens gefunden werden: der Ikonographie. Entgegen den oben erwähnten Steuerpolitiken bleibt sie entschieden archaisch. Obwohl man den König gerne beim Ernähren der Armen darstellt oder beim Verteilen von Almosen, so ist es im Spätmittelalter doch nicht möglich, ihn beim Eintreiben von Steuern zu zeigen. Und wenn eine Miniatur die drei Stände zeigt, wie sie dem König Teller voller Goldstücke darbieten (Manuskript aus dem Livre de bonnes meurs von Jacques Legrand, Chantilly, Condé 297, Fol. 79’), so geht es hierbei um die Hervorhebung seines Desinteresses: Der König weist das Geld, das ihm angeboten wird, zurück. Es gibt dennoch eine Miniatur, die den König beim Steuereintreiben zeigt, nämlich im Livre des trois âges (Paris, BnF, Smith-Lesouëf 70, Fol. 9’), von 1482-1483 datiert und an Ludwig XI. gerichtet: Auf dieser Miniatur ist ein Schäfer zu sehen, der sein Schaf schert und von folgenden Zeilen begleitet wird: „Einmal im Jahr ist es gut, die Schafe zu scheren / In der richtigen Zeit und ohne die Haut mit abzuziehen. / Denn zu oft geschoren werden sie krank / Und ohne Haut, nur auf Fleisch, wächst keine Wolle“. Der Vierzeiler heißt die dauerhafte Steuerung gut, kritisiert aber das, was man crues de taille („Erhöhungen der Taille“) nannte und als zügellose Abart königlicher Besteuerung erachtete.
    Geschichte des Staats- und scholastischen Denkens, Geschichte der Repräsentationen, Kunst- und Ikonographiegeschichte usf. – am Beispiel des königlichen Staats im Spätmittelalter erweist sich die Untersuchung des Steuerwesens als einer der Kernpunkte an der Schnittstelle zwischen Ideengeschichte und Geschichte der administrativen Praktiken, die die Radikalität der Erneuerungen in unseren Annäherungen an die mittelalterlichen Regierungsarten zum Ausdruck bringt.


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  • Bibliographie

    Lydwine SCORDIA, 14. September 2016

    Über den Gebrauch des (spätmittelalterlichen) Steuerwesens

    - CLAMAGERAN Jean-Jules Histoire de l’impôt en France depuis l’époque romaine jusqu’en 1774, Paris, 1867-1876, 3 vol.
    - Glossaire critique de la fiscalité médiévale, dir. Denis Menjot et Manuel Sanchez Martinez (402 entrées). Online: http://gcfm.imf.csic.es
    - LASSALMONIE Jean-François, La boîte à l’enchanteur. Politique financière de Louis XI, 1461-1483, Paris, CHEFF, 2002.
    - MAGNOU-NORTIER Élisabeth, Aux origines de la fiscalité moderne. Le système fiscal et sa gestion dans le royaume des Francs, Genève, Droz, 2011.
    - RIGAUDIERE Albert, Penser et construire l’État dans la France du Moyen Âge (XIIIe-XVe siècle), Paris, CHEFF, 2003 (recueils d’articles).
    - SCORDIA Lydwine, «Les sources du chapitre sur l’impôt dans le Somnium Viridarii», Romania, 117, 1999, p. 115-142.
    - SCORDIA Lydwine, Le roi doit vivre du sien. Théorie de l’impôt en France (XIIe-XVe siècles), Paris, Institut d’Études augustiniennes, 2005.


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