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  • Über die Verwendung der Magie in mittelalterlicher Geschichte

    Julien VERONESE, 18. Januar 2012 | 10. Dezember 2010
    Magie |

    Julien VERONESE

    (Maître de conférences an der Université d’Orléans)


    Magie wurde lange Zeit als eine verkommene Form der Religion oder der Wissenschaft angesehen, bestenfalls als ein „gut dokumentiertes System“, welches aber im Ganzen doch im Bereich der Rationalität zweitrangig wäre (C. Lévi-Strauss). Aus der Konvention heraus dienen den Mediävisten heutzutage das Vokabular und der Begriff der Magie dazu, einen Wissensbereich lateinischer Ausdrücke vom 12. bis 15. Jahrhundert zu bezeichnen, dessen Grenzen sehr weit und flexibel sind. Zum einen gibt es in diesem Bereich Quellen, die weder dem rein wissenschaftlichen Diskurs, welcher durch das Quadrivium verkörpert wurde, noch dem rein theologischen Diskurs unterstehen. Zum andern haben die Gelehrten und Intellektuellen des Mittelalters einen differenzierteren Blick auf diese Texte gerichtet, genauso wie auf eine ganze Reihe von mysteriösen Phänomenen. Wenn Magie vom Historiker als etwas angesehen wird, „was [...] imstande ist, mithilfe einer Reihe von Riten, okkulten Praktiken und technischen Tricks, Phänomene zu erzeugen, die für außergewöhnlich befunden werden, je nach Zustand der religiösen Überzeugungen und der Kenntnis der Natur, in einem gegebenen Milieu und einem gegebenen Zeitraum“ (J.-P. Boudet), ist allein der Begriff, welcher in der mittelalterlichen Lexikologie schlecht bezeugt ist, für die Kleriker des Spätmittelalters Gegenstand der Debatten. Lynn Thorndike hat zu ihrer Zeit in der Forschung die Hauptrichtung gewiesen, bevor daraus eine wichtige historiographische Bewegung wurde, die seit den 1980er Jahren besonders fruchtbar war. Während ab den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts eine beträchtliche Zahl von überlieferten Texten aus dem arabischen, griechischen und jüdischen Raum durch Übersetzungen in das Abendland gelangten und ganz allgemein das Einströmen der griechisch-arabischen Wissenschaft dazu beitrug, die Vorstellungen von der Natur und den wissenschaftlichen Kenntnissen neu zu definieren, wird das augustinische und isidorische Paradigma des Magiers (magus oder ab dem 12. Jahrhundert häufiger nigromanticus), der den „Aberglauben“ praktiziert und einen tödlichen Pakt mit den Dämonen eingeht, mit dessen Hilfe er zaubern kann, zum Teil in Frage gestellt.

    Gewisse Texte und / oder ihre Übersetzungen aus der Zeit zwischen dem 12. und dem 13. Jahrhundert verbinden einen Teil des neuen Wissens (artes magice) (besonders jene über den Talisman) mit den scientiae, die imstande sind, die Geheimnisse der Natur zu verschleiern und Gegenstand der systematischen Aufstellung einer Theorie sind (wie in De radiis von al-Kind?). In der Folge sind im 13. Jahrhundert die Naturphilosophen und die Theologen in die Bresche gesprungen. Obgleich sie einen Großteil der neuen Traditionen als dämonisch verwarfen, gaben sie sich große Mühe die zu bewahren, die dem Anschein nach (was durch die „Reinigung“ einiger Texte geschah) in einer deutlich natürlichen Kausalität begründet lagen (besonders die Wirkungen der Sterne auf die Materie), aus dem übernatürlichen und theologischen Bereich heraus fielen. So schuf der Autor des Speculum astronomiae (um 1260), der lange Zeit mit Albertus Magnus gleichgesetzt wurde, den Begriff des „Astrologischen Bildes“, oder anders gesagt, des Talismans für eine ausschließlich natürliche Wirkkraft. Er tat dies, um für einen Teil dessen, was die Historiker gemeinhin die „magie astrale“ (D. Pingree; N. Weill-Parot) nennen, einen Platz in der Typologie des in der Christenheit erlaubten Wissens zu legitimieren. Ein anderer Bereich, in dem über die Grenzen von Natur und Übernatur nachgedacht wird, betrifft zugleich die magische incantatio (da besonders wirkmächtig), der einige Autoren (Roger Bacon zum Beispiel), mit verschiedenen Arten der Rechtfertigung, eine gewisse physische Kraft zuschreiben (B. Delaurenti). Die Bereiche der Magie und der Wissenschaft haben also bewegliche und ungenaue Grenzen und können entweder komplementär oder gegensätzlich sein.

    Die meisten der neuen Texte zielen nichtsdestotrotz darauf ab, im Irdischen zu wirken. Dies geschieht durch die Vermittlung spiritueller Wesen, die vom Zauberer (die Texte sprechen von artifex, exorcizator oder ganz einfach vom magister) beschworen werden, entweder mithilfe von Zaubergegenständen (Talisman) oder von Riten, welche Handlungen und gesprochene Worte vereinen, in allen Fällen aber durch die Verwendung von Zeichen. Deren Unvereinbarkeit oder Spiel mit der religiösen Norm begründet, in der Tradition Augustins, dass Theologen sie beständig ablehnten, besonders was die Texte „ritueller“ oder „zeremonieller“ Magie betrifft (es sind jene Texte, in denen astrologische Anweisungen zweitrangig sind und in denen die Riten auf der Verwendung von performativen Zeichen basieren), die größtenteils Salomon zugeschrieben wurden. Wenn die Texte der „Nekromantie“ wohl auch durch die Beschwörung von Dämonen (R. Kieckhefer) funktionieren, geht es darin weniger darum, wie es die Glaubenswächter gerne wollten, einen Pakt mit den bösen Geistern zu schließen, als vielmehr darum, die Allmacht Gottes und die Heiligkeit der Kirche (Sakramente, Ritual des Exorzismus, Liturgie) für sich zu gewinnen, um Dämonen zu Willen zu machen, die im übrigen gemäß einer neuplatonischen Vorstellung und entgegen der scholastischen Dämonologie nicht zwangsläufig schlecht sein mussten. Bezüglich der Texte zur „Theurgie“, wie beispielsweise die Ars notoria (J. Véronèse), kann man sagen, dass sie der rein engelsgleichen Bestimmung und einer sakramentalen Kausalität Ausdruck verliehen. Wenn diese Traditionen – bedenkt man ihren Ursprung und die „réécriture“, der sie in der lateinischen Welt unterzogen waren – von einem wenig kohärenten Stückwerk abhängen und als Konkurrenz zu dem von der Kirche ausgeübten Monopol des Heiligen gelten können, bauen sie im gegenseitigen Geben und Nehmen einen originellen Spielraum für der Frömmigkeit auf. Derjenige, den die Historiker als „Nekromanten“ bezeichnen und der seit dem Pontifikat Papst Johannes’ XXII. als häretisch gilt, ist, wenn man die Texte liest, ein Christ, der einer Elite angehört, von monastischen und wohlwollenden Idealen inspiriert ist und dem das Heil und die besonderen Gnaden des Diesseits zuteil werden. Der Gebrauch des Begriffs „Magie“ ist also nützlich, um diese Art von Texten klar zu benennen (vor allem seit der Begriff für die Historiker nicht mehr negativ konnotiert ist), aber er beachtet die Positionierung nur wenig, die in den meisten Texte vorgenommen wird. Genauso wie die Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Magie am Ende des Mittelalters eine Schwierigkeit darstellt, verhält es sich mit der Abgrenzung zwischen Magie und Religion. Diese von Marcel Mauss vorgenommene Einteilung, lässt sich schlecht auf die mittelalterliche Wirklichkeit anwenden.

    Obgleich die Forscher ihren Blick hauptsächlich auf Debatten der Lehre und / oder der Geschichte der Texte unter dem Blickwinkel einer im weitesten Sinne rein intellektuellen und / oder kulturellen Geschichte richten, leugnen sie auch nicht die soziologische Dimension des Themas: Wer kopiert, liest oder praktiziert sogar (der Übergang von der Neugierde zur Praxis ist sehr problematisch) diese unterschiedlichen Formen von Magie? Auf das Konzept des clerical underground, welches von R. Kieckhefer (1989) entwickelt wurde, um das Milieu zu benennen, aus dem sich die Mehrheit der Anhänger der Nekromantie rekrutierte – es handelt sich grob um marginalisierte Kleriker, oder Kleriker, die durch den Bann mit der Kirche gebrochen haben und von ihrer Weihe profitierten, um sich eine Art „informeller Macht“ über die Welt der Menschen und der Geister anzumaßen (so das Bild, das die Quellen liefern) – , antwortet heute ein weit differenzierteres Bild, welches man durch das Studium der Handschriften und mittelalterlichen Bibliothekskataloge erhielt: In der Tat scheinen die universitären, klerikalen und selbst die weltlichen Eliten, wie am Beispiel Zentraleuropas vom 14. bis 15. Jahrhundert ersichtlich wird (B. Láng), weitgehend davon betroffen gewesen zu sein. Die artes magice haben das Interesse einer kleinen nicht zu vernachlässigenden gelehrten Elite geweckt, was uns die Bedeutung und den Nachklang der mit ihnen verbundenen doktrinalen Debatten besser erkennen lässt.


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  • Bibliographie

    Julien VERONESE, 23. Januar 2012 | 18. Januar 2012
    Magie |

    Über die Verwendung der Magie

    - BOUDET Jean-Patrice, Entre science et nigromance. Astrologie, divination et magie dans l’Occident médiéval (XIIe-XVe siècle), Paris, Publications de la Sorbonne, 2006.
    - DELAURENTI Béatrice, La puissance des mots „Virtus verborum“. Débats doctrinaux sur le pouvoir des incantations au Moyen Âge, Paris, Cerf, 2007.
    - KIECKHEFER Richard, Forbidden Rites. A Necromancer’s Manual of the Fifteenth Century, University Park, Pennsylvania, Penn State University Press, 1997.
    - THORNDIKE Lynn, A History of Magic and Experimental Science, New York, 1923-1958, 8 Bde.
    - VÉRONÈSE Julien, L’„Ars notoria“ au Moyen Âge. Introduction et édition critique, Florenz, Sismel-ed. del Galluzzo, 2007.
    - WEILL-PAROT Nicolas, Les «images astrologiques» au Moyen Âge et à la Renaissance. Spéculations intellectuelles et pratiques magiques (XIIe-XVe siècle), Paris, Honoré Champion, 2002.


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