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... méthode régressive

  • Die Verwendung der regressiven Methode in der Mediävistik

    Samuel LETURCQ, 4. März 2013

    Samuel LETURCQ

    (Maître de conférences an der Universität Tours - François Rabelais)

    Übersetzerin: Anne Holtmann-Mares


    Das Wort „Regressivität“, auf das sich der Begriff „regressive Methode“ bezieht (sehr selten trifft man auch auf die Ausdrücke „Rekurrenz” und „Rekurrenzmethode”), bezeichnet in der Geschichtsforschung eine Methode, die darin besteht, ein Untersuchungsobjekt anzugehen, indem man ein komparatistisches Prinzip auf mehrere Zustände eines Untersuchungsobjekts zu verschiedenen Epochen anwendet, wobei man von der jüngsten Zeit zur ältesten fortschreitet. Dieses Verfahren basiert auf dem Postulat, dass ein späterer Zustand Spuren von interpretierbaren vergangenen Dynamiken bewahrt. In der Praxis wertet ein Mediävist, der die regressive Methode anwendet, beispielsweise eine moderne oder gegenwärtige Überlieferung aus, um mittelalterliche Verhältnisse zu beleuchten. Diese Technik – die zunächst erstaunt, verlangt sie doch die gewollt anachronistische Verwendung von Quellen unterschiedlicher Epochen – setzt einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Konstruktionsstufen des Untersuchungsobjekts voraus; dieser Zusammenhang erlaubt es, jüngere und ältere Zustände dieser Konstruktion zu vergleichen und spätere Quellen zu benutzen, um einen länger zurückliegenden Zustand zu untersuchen. Die Mediävisten greifen auf diese Methode zurück, um den Mangel und die relativ schwere Erschließbarkeit ihrer Quellen zu kompensieren, indem sie aus einer jüngeren und reichhaltigen Überlieferung Informationen herauszuziehen suchen, welche die von ihnen untersuchten Zusammenhänge beleuchten. Es handelt sich demnach, um es mit den Worten Marc Blochs auszudrücken, darum, „die Geschichte rückwärts zu lesen“ oder darum, „vom Bekannteren zum weniger Bekannten vorzustoßen“ (Bloch, 1931, S. XII).
    Diese Methode birgt zwei Risiken verzerrter Wahrnehmung, gegen die es sich durch das Einhalten strenger Verfahren zu wappnen gilt: den Anachronismus und eine fehlende Flexibilität. Man gerät leicht in einen Anachronismus zu versinken, wenn man jüngere Tatbestände auf einen älteren Zustand überträgt. Wenn man seine ganze Aufmerksamkeit auf den Zusammenhang jüngerer und länger zurückliegender Tatbestände richtet, passiert es ebenso leicht, das Untersuchungsobjekt in einem Kontinuum zu glauben, aus dem täuschende Fortbestände gefolgert werden. Um diese Klippen zu vermeiden, sollte man sich zunächst vergewissern, dass das Untersuchungsobjekt in einer späteren und einer früheren Zeit das gleiche bleibt. Beispielsweise ist es im Rahmen einer Untersuchung einer Agrarlandschaft/ländlichen Gegend oder landwirtschaftlicher Praktiken unbedingt notwendig, besonders darauf zu achten, dass es sich beim Untersuchungsobjekt um denselben bzw. um einen homogenen Raum handelt, um auf diese Weise zu verhindern, dass Fakten und Ereignisse aus unterschiedlichen Räumen vermischt werden und auf diese Weise ein fiktives Untersuchungsobjekt geschaffen wird, das Resultat einer Akkumulation von Tatbeständen ohne wirkliche Kohärenz ist. Ebenso ist es im Fall einer Untersuchung der Siedlungsentwicklung von grundlegender Bedeutung, den Wandel von Toponymen in die Betrachtung einzubeziehen, um zu verhindern, dass man aus der ununterbrochenen Verwendung eines Toponyms auf eine Siedlungskontinuität schließt. Ebenso zwingend ist es, im Rahmen des regressiven Verfahrens chronologische Schnitte zu machen, d. h. Zwischenetappen, die eine korrekte Bestimmung all jener Elemente erlauben sollen, die den Zusammenhang zwischen den verschiedenen rückläufigen Phasen herstellen. Die Verwendung von Karten und Luftaufnahmen zur Ermittlung der Struktur der mittelalterlichen Landschaft verlangt beispielsweise eine sorgfältige Analyse der Veränderungen der Parzellen (Chouquer, 2000). Die „kühnen Flohsprünge“ (sauts de puce hardis: Coste, 1988, S. 242) müssen demnach verbannt werden, um stattdessen „rückschreitend der Zeitenlinie zu folgen, ständig darauf bedacht, mit Fingerspitzengefühl Unregelmäßigkeiten und Schwankungen des Zeitlaufs zu erfassen und nicht – wie es zu häufig erfolgte – vom 18. Jahrhundert in die Steinzeit zu springen.“ (Bloch, 1931, S. XIV).
    Diese Gefahren und Schwierigkeiten schüren bei vielen Historikern ein Misstrauen gegenüber einer Anwendung der regressiven Methode. Unter Archäologen sind die Vorbehalte weniger verbreitet, was sicherlich damit zusammenhängt, dass die Prinzipien der Ausgrabung (man gräbt zunächst jüngere Schichten aus, um ältere Schichten zu untersuchen) ein rückschreitendes, regressives Vorgehen darstellen. Die regressive Methode wurde der Untersuchung ländlicher Gegenden oft angewendet, um die Entwicklung der Flächennutzung nachzuzeichnen: Besiedlung, landwirtschaftliche Strukturen, Landschaften, Toponymie (hervorragend auf den Punkt gebracht von Abbé, 2005). Die Frage nach der Gültigkeit dieser Methode für die Rekonstruktion vergangener Landschaften und Siedlungsstrukturen wurde schon Mitte des 18. Jahrhunderts aufgeworfen. Tatsächlich bildete sich in Deutschland im 19. Jahrhundert im Rahmen der Frage nach den Ursprüngen der deutschen Nation eine historische Forschungsrichtung – die Siedlungsgeschichte –, die ihre Arbeiten auf die regressive Methode stützte, insbesondere auf die Verwendung alter Karten (Karl Lamprecht, August Meitzen). In England wurde die regressive Methode seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zur Erforschung ländlicher Gegenden angewandt (Frederic Seebohm, Howard Gray u.a.); sie spielte auch für die auf den britischen Inseln seit dem frühen 20. Jahrhundert stark vertretene Settlement archaeology und Field archaeology eine bedeutende Rolle; seit den 1920-1930er Jahren experimentierten Arbeiten dieser Forschungsrichtung insbesondere mit Luftaufnahmen (Crawford). Begeisterter Initiator der regressiven Methode in Frankreich war Marc Bloch, der stark von der britischen und etwas weniger von der deutschen Geschichtsschreibung beeinflusst war; er verlangte eine umfassende Herangehensweise an die Geschichte, frei von akademischen und starren Zeiteinteilungen. In seinen zahlreichen Abhandlungen empfahl er den ergänzenden Rückgriff auf moderne Zeugnisse (plans terriers/Flurkarten, terriers/Abgabenverzeichnisse, Coutumes/Weistümer des Ancien Régime, Sammlungen lokaler Bräuche, Untersuchungen und Aufzeichnungen der Intendants, Schriften der agronomes physiocrates/Agronomen und Physiokraten u.a.), um die Forschungen zu mittelalterlichen Landschaften zu vertiefen. Trotz seines Engagements ließen sich die französischen Mittelalterhistoriker (mit Ausnahme der Arbeiten von André Déléage über das bäuerliche Leben in Burgund, 1941) nicht von dieser Lehre überzeugen und kehrten den neuzeitlichen und zeitgeschichtlichen Quellen den Rücken; wenn sie alte Karten oder Luftaufnahmen verwendeten, dann zumeist nur zur reinen Veranschaulichung. Regressive Methoden wurden jedoch im Rahmen der Forschungen zur Toponymie und zur Landschaftsbildung verwendet („Wiederfinden von Spuren der römischen Landevermessung und -einteilung – der Limitatio – in der modernen Ackerparzellierung“, siehe z. B. Études rurales, 2003/3-4, Nr. 167-168). Seit den 1980er und besonders den 1990er Jahren lebt die regressive Methode in Frankreich wieder auf, und dies dank einer kritischen Methodenreflexion. Dieser Neubeginn erstreckt sich auf Forschungen zur Toponymie (Zadora-Rio, 2001), zu Landschaften (Chouquer, 2000) und zur Siedlungsstrukturen über lange Zeitabschnitte sowie zum Prozess der Territorialisierung im Mittelalter (Leturcq, 2004).


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  • Bibliographie

    Samuel LETURCQ, 4. März 2013

    Die Verwendung der regressiven Methode

    - ABBE, Jean-Loup, „Le paysage peut-il être lu à rebours? Le paysage agraire médiéval et la méthode régressive“, in: Les territoires du médiéviste, hg. von Benoît Cursente und Mireille Mousnier, Rennes 2005, S. 383-399.
    - BLOCH, Marc, Les caractères originaux de l’histoire rurale française, Paris 1955 (1. Aufl. 1931).
    - CHOUQUER, Gérard, L’étude des paysages. Essais sur leur forme et leur histoire, Paris 2000.
    - COSTE, Jean, “La méthode régressive“, in: Structures de l’habitat et occupation du sol dans les pays méditerranéens: les méthodes et l’apport de l’archéologie extensive, hg. von Ghislaine Noyé, Rom, Madrid 1988, S. 241-246.
    - LETURCQ, Samuel, Un village, la terre et ses hommes. Toury en Beauce, XIIe-XVIIIe siècle, Paris 2004.
    - ZADORA-RIO, Élisabeth, „Archéologie et toponymie: le divorce”, in: Les petits cahiers d’Anatole, 8 (2001) (online: http://citeres.univ-tours.fr/doc/lat/pecada/F2_8.pdf).


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