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  • Über die Verwendung Michelets in der mittelalterlichen Geschichte

    Benoît GREVIN, 1. Oktober 2012

    Benoît GRÉVIN

    (Forschungsbeauftragter CNRS, Laboratoire de Médiévistique Occidentale de Paris)
    Übersetzer: Harald Sellner


    Die Lektüre des Werkes von Jules Michelet (1798-1814) wirkt auf viele Mediävisten wie ein nicht zugelassenes Rauschmittel. Die Macht des poetischen Stils seiner kürzlich neu herausgegebenen Histoire de France übt weiterhin großen Einfluss auf zahlreiche historiographische Werke. Die Forschung und vor allem die historische Erzählung stehen im Schatten der stiftenden Texte Michelets, die durch ihre stilistische Qualität und ihre Dramatisierung den Wert eines regelrechten Mythos erhalten. Die Darstellung der Ängste des Jahres 1000, welche die gegenwärtige Forschung zu Recht nicht mehr teilt, die aber weiterhin das Imaginarium prägt, das Epos Jeanne d’Arcs, die tragische Machtentfaltung des burgundischen Hofes gehören dabei nur zu den bekannteren Narrativen und zählen zu den tausenden von Berichten jeglichen Umfangs, die sich im mittelalterlichen Raum dieses riesigen romantischen Projekts abspielen.
    Der Status eines „prosaischen Epos‘“ und einer „romantischen Enzyklopädie“ , der der Geschichte Frankreichs durch das Werk Michelets zugesprochen wird - und dies noch mehr seit es durch Roland Barthes eine literarische Rehabilitierung erfahren hat -, zwingt den Mediävisten dazu, über dessen Gebrauch nachzudenken, während sein guter heuristischer Sinn die Histoire de France klar in den Bereich der Literatur einordnen sollte. Durch ihre prä-positivistische Methode und ihre Entstehungszeit (während der Juli-Monarchie, 1833-1844) stehen die Bände der Histoire de France, die das Mittelalter betreffen, in einer epistemologischen Ordnung, die sich a priori zu weit von den Standards unterscheidet, die die zeitgenössischen Historiker voraussetzen, um den auszubildenden Mediävisten etwas anderes als „vermintes Gelände“ bieten zu können. Durcheinander in der Chronologie, ungefähre Schätzungen und Lücken belasten die Interpretation der Kapitel über das Mittelalter vielleicht noch weniger als alle Verdrehungen in der Interpretation, die sich durch ein kohärentes ideologisches Projekt erklären lassen: Die Geschichte Frankreichs von den Anfängen bis zur Revolution soll beleuchtet und verstanden werden wie ein messianisches Ereignis, das der Entwicklung des Menschen einen Sinn gibt… Es ist also noch ein weiter Weg von dieser Interpretation des Mittelalters bis zur mittelalterlichen Geschichte, die von zeitgenössischen Historikern als historische Anthropologie und als entemotionalisierte Rekonstruktion der Entwicklung sozialer Strukturen und ihrer kulturellen Umsetzungen verstanden wird.
    Die verschiedenen Sektionen, die in der Histoire de France Michelets das Mittelalter betreffen, bilden kein homogenes Ganzes und diese Heterogenität hat für den Mediävisten unterschiedliche Arten der Lektüre zur Folge. Die Erzählung der Merowinger- und Karolingerzeit, die durch Legenden angereichert ist, und in der die wenigen schriftlichen Quellen – archäologische Quellen waren noch nicht verfügbar – nicht dazu führen, den Umfang der Erzählung einzuschränken, ist wohl zu weit entfernt von den heutigen Lehrbuchdarstellungen der Zeit von 500-950, um auch nur geringste Gefahr zu laufen, sie damit zu verwechseln. Die Zeit des Lehnswesens vom 10.-13. Jahrhundert stellt eine Übergangszeit dar, in der man die Wirkung der Aspekte, die zu einer narrativen und begrifflichen Verwechslung mit unseren heutigen Ansprüchen der Historizität führen, zu spüren beginnt. Dies deutet sich aber noch schwach an, solange der Gegensatz zwischen den Themen der Erzählung (millenaristische Ängste um 1000, Lehnswesen) und der aktuellen Forschung offenkundig bleibt. Für die beiden letzten Jahrhunderte des Mittelalters, für die Michelet über zahlreiche edierte und unedierte Quellen verfügte, und für die er sich auf mehrere gelehrte Werke stützte, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen (Ordonnances des rois de France de la troisième race…) und noch verwendbar sind, erreicht seine Erzählung stellenweise eine beinahe Ähnlichkeit mit der modernen Darstellung von Ereignissen und knüpft stets an die zentrale Frage nach der Entstehung des Staates. In diesem Teil seines Werks bedarf es also beim Leser einer weit größeren Sensibilität, um diese Texte nicht mit Darstellungen nach heutigen wissenschaftlichen Standards zu verwechseln. Dies liegt wohl auch daran, dass seine Fragen an einem Punkt ansetzen, an dem die historische Forschung seit dem 19. Jahrhundert stets mit den Ideologien zusammenstieß: die Definierung der Nation durch ihre Entstehung.
    Muss man angesichts dessen auszubildenden Mediävisten von der Lektüre der Histoire de France abraten und sie jenen überlassen, die sich mit dem Entstehen der mittelalterlichen Geschichte als Wissenschaft im 19. Jahrhundert befassen? Das Werk Michelets würde somit in das Forschungsgebiet einer Meta-Geschichte der mittelalterlichen Geschichte rücken, die untersucht, wie sich diese Disziplin über die Zeit hinweg entwickelt hat und sich für ihr zwiespältiges Verhältnis zu den anderen Arten diskursiver Produktion (Literatur, politische Ideologie), die mit dem Mittelalterkonzept verbunden sind, interessiert. Es ist aber wohl möglich sich der Erforschung des Werks Michelets unter einem weiteren und weniger restriktiven Blickwinkel anzunähern. Die literarische Faszination, die von der Histoire de France ausgeht, kombiniert mit ihrem enzyklopädischen Charakter ist in der Tat dazu geeignet, aus diesem Werk eine pädagogische Stütze zu machen. Dies könnte dadurch geschehen, dass eine Verbindung hergestellt wird zwischen dem Reiz der hohen Literatur, dem Versprechen reichlicher kultureller Nahrung und dem Interesse, ein außergewöhnliches Forschungsgebiet zu bieten, um Studenten oder fortgeschrittene Forscher dazu zu bringen, über das Problem der historischen Interpretation und ihrer Verbindung mit der Entwicklung der Forschungsmethoden und dem Zuwachs von Quellen nachzudenken. Eine derartige Verwendung würde sich umso mehr anbieten, da die Histoire de France durch ihre diskursive Tiefe über das Königreich Frankreich und selbst das heutige Frankreich hinausreicht. Vom staufischen und angevinischen Sizilien zu Savanarola und Machiavelli, vom normannischen England und dem England der Lancaster zur Schweiz und in die Niederlande, von den ersten Habsburgern zu den Angelegenheiten Aragons und Kastiliens umfasst die Erzählung in der Tat die Geschichte ganz Westeuropas in einer für Michelet typischen Art „Polynationalismus“… Auch die meisterhafte Darstellung der scholastischen Denkweise und der humanistischen Revolution, die das 16. Jahrhundert eröffnet – im Gegensatz zur modernen Rehabilitierung der mittelalterlichen Philosophie – , kann dazu dienen, über die Veränderungen der mittelalterlichen Denkweise und ihre moderne Wahrnehmung nachzudenken.
    Ein derartiger Umgang mit der Histoire de France wäre jedenfalls nur mit einer neuen Edition vorstellbar. Diese ist aber noch nicht abgeschlossen und stellt sicher noch ein langwieriges Unterfangen dar. Diese Edition, die noch für die Bände, die das Mittelalter betreffen, vorgenommen werden muss, sollte anhand eines Apparats von Kommentaren, Fußnoten, Verweisen, eines Index und selbst anhand paralleler Texte die Arbeitsmethode Michelets, seine Informationsquellen aber auch die unterschiedlichen Interpretationsebenen, die sein Werk von heutigen Interpretationen trennt, beleuchten. Diese Kommentierung könnte somit vorübergehende Darstellungen einer sukzessiven Wiederbearbeitung des historischen Stoffs, der bis ins 21. Jahrhundert in der Geschichtswissenschaft behandelt wurde, mit einbeziehen und sogar Forscherperspektiven in nicht wissenschaftliche Mittelalterphantasien beachten. Damit würde sie dem offiziellen Stand, den die ersten Bände der Histoire de France in der zeitgenössischen französischen Kultur als romantische Bibel der mittelalterlichen Geschichte erlangt haben, gerecht werden.


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  • Bibliographie

    Benoît GREVIN, 1. Oktober 2012

    Über die Verwendung Michelets

    - MICHELET, Le Moyen Âge, Paris, collection Bouquins, 1981 und weitere Neuauflagen (beinhaltet die Bücher I bis XVII der Histoire de France de Michelets).
    - MICHELET, Histoire de France, ed. Paul Viallaneix et Paule Petitier, Paris, édition des Équateurs, 2007-2008, (die sechs erstenBände : I. La Gaule. Les invasions. Charlemagne. II. Tableau de la France. Les croisades. Saint Louis. III. Philippe-le-Bel. Charles V. IV. Charles VI. V. Jeanne d’Arc. Charles VII. VI. Louis XI).
    - BOUCHERON Patrick «Michelet, quand même!», L’Histoire, 336 (novembre 2008), S. 38-39.
    - LE GOFF Jacques, « Les Moyen Âge de Michelet », dans ID., Un autre Moyen Âge, Paris, 1999, S. 23-47 (anfangs erschienen in MICHELET, Œuvres complètes, hg. P. Viallaneix, I, IV, Histoire de France, I, Paris, 1974, S. 45-63).
    - RICHER Laurence, La cathédrale de feu. Le Moyen Âge de Michelet de l’histoire au mythe, Paris, 1995.


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