Ménestrel

Médiévistes sur le net : sources, travaux et références en ligne

Navigation par mot-clé
Accueil > Editions Ménestrel > De l’usage de... > ... notes de bas de page

... notes de bas de page

  • Über die Verwendung der Fußnoten in der Mediävistik

    Patrick BOUCHERON, 24. Februar 2012 | 10. Dezember 2010

    Patrick BOUCHERON

    (Maître de conférences an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne)


    Die Fußnoten spielen in akademischen Texten dieselbe Rolle, als „äußere Zeichen von Reichtum“ in der Finanzverwaltung: Sie unterscheiden denjenigen, der sie verwendet, verraten ihn manchmal, und weil sie stets im Stande sind, als Mittel zur Kontrolle zu dienen, können sie Misstrauen, ja sogar Feindseligkeiten hervorrufen. Die Feindseligkeit der Herausgeber ist offensichtlich und die wissenschaftliche Publikation wird oft als Guerillakampf zwischen dem Autor, der immer mehr Fußnoten möchte, und dem Herausgeber, der sie vom Ende der Seite an das Ende des Textes verbannen oder ganz weglassen möchte. Darüber regte sich bereits Marc Bloch in seiner Apologie pour l’histoire auf, wenn er die Verwendung „unserer kleinen, ja kleinlichen Anmerkungen, worüber sich so viele schönen Geister heute, ohne sie zu verstehen, lustig machen“, als eine „Moral der Intelligenz“ ansah. Auch wenn der Historiker nicht der einzige ist, der Fußnoten verwendet, ist er doch deren größter Verteidiger, da er sie als eines jener Zeichen sieht, das die Zugehörigkeit zu seiner Disziplin markiert. Wozu dienen sie aber? In ihrer berühmten Introduction aux études historiques (1898) nahmen Victor Langlois und Charles Seignobos die wichtige Unterscheidung zwischen der „Bel-Etage“ und dem „Untergeschoss“ in historiographischen Texten vor: der Text überzeugt, die Anmerkungen beweisen. Genaugenommen beweisen sie selbst nichts, sondern sollen dem besonders aufmerksamen (oder besonders boshaften) Leser die Möglichkeit bieten, die Anmerkungen ihrer Kollegen nachprüfen zu können. Beinahe hundert Jahre später sagt Antoine Prost in seinen Douze leçons pour l’histoire (1996) nichts Anderes: „Wahrheit ist in der Geschichtswissenschaft das, was nachgewiesen werden kann. Aber das, was nachgewiesen ist, ist das, was nachprüfbar sein kann.“ Die Fußnoten erzeugen also, allein durch die Tatsache, dass sie existieren und sichtbar sind, eine Glaubwürdigkeit des historischen Diskurses, welcher nach der Analyse Michel de Certeaus „in aufgeteilte Texte organisiert ist, von denen eine Hälfte, die fortlaufend geschrieben ist, sich auf die andere, die aufgegliedert ist, stützt und somit die Macht hat zu sagen, was der andere Teil benennt, ohne davon Kenntnis zu haben.“

    Alle Regeln der Verwendung leiten sich von diesem Grundprinzip ab: Eine Fußnote in den Text zu setzten wird dann notwendig, wenn es darum geht, das Archivmaterial zu identifizieren, auf welchem der Gedankengang, der Text, aus dem ein mit Anführungszeichen kenntlich gemachtes Zitat stammt, das Konzept oder die Argumentation, deren Herkunft man präzisieren möchte, basieren. Hinsichtlich der Abfassung der Anmerkung selbst kann man sagen, dass sie je nach den Richtlinien des Herausgebers variiert (Zeitschriften, Monographien in Reihen,...). Sie sollte aber theoretisch immer genau genug sein, um es dem Leser zu erlauben, zur Quelle zurückzukehren, d.h. metaphorisch gesagt, dem Strom der historischen Arbeit bergauf zuwiderlaufen. Deswegen skandieren die Anmerkungen zu einem anderen Rhythmus der Lektüre, insofern sie Anteil an dem haben, was Gérard Genette den „péritexte auctorial“ nennt, womit der Autor selbst seinen Text umgibt und verlängert: gemeint ist nicht die „fortlaufende“ (so Michel de Certeau) Argumentation des darstellenden Textes, sondern der „aufgegliederte“, zerstückelte, oft mit fachkundigen Kommentaren angereicherte Teil. Prinzipiell ist es also wenig empfehlenswert, Mengen an Informationen oder für das Verständnis des Texts unabdingbare Überlegungen in den Fußnoten zu verbergen.

    Wenn man sich nun anschaut, nicht was Historiker behaupten aus ihren Anmerkungen zu machen, sondern was sie wirklich aus diesen machen, wird die Sache natürlich nicht leichter. Mit dem Lied des „man lese darüber...“ beinhalten Fußnoten oft lange Reihen von bibliographischen Verweisen, wobei oft nicht klar ist, wie sie zu lesen sind: Geht es wirklich darum, weiterführende Literatur anzubieten oder etwa Positionen in der Historiographie genauso darzulegen, wie die Treue gegenüber bestimmten Lehren oder akademischen Schulen, aber auch die Zugehörigkeit zu institutionellen Netzwerken? Das name dropping der ersten Fußnote, in der sich der Autor bedankt, dient ihm oft als menschlicher Schutzschild. Er glaubt sich damit vor Angriffen schützen zu können. Indem die Historiker in den weitere Gedankengänge anbieten, sich durch Vergleiche dem Gedanken nähern, sich mit anderen möglichen Interpretationen auseinandersetzen, schaffen sie oft durch die Fußnoten einen Paralleltext, in dem wichtige Aspekte für das Verständnis ihrer Äußerungen zu finden sind und der nur für Eingeweihte bestimmt ist. Wir sind dann weit von der Neutralität entfernt, die sich im einfachen Nachweis äußern sollte: Die Fußnoten nehmen einen wichtigen Platz in den gelehrten Debatten ein, besonders in der Unterkategorie der „note assassine“, in der der Historiker mehr oder weniger hinterlistig angegriffen wird – und im Falle der langen bibliographischen Anmerkungen ist es das Weglassen von Arbeiten, das einem Mord gleichkommt. Umgekehrt hat man durch das genaue Betrachten der Fußnoten eines lieben Kollegen (und dem Versuch, zu zeigen, dass sie beispielsweise falsch oder unwahr sind) eine gute Möglichkeit, dessen Autorität zu untergraben. Anthony Grafton, ein Historiker, der sich mit den subtilen Verwendungsmöglichkeiten der Fußnoten beschäftigt hat, beschreibt dies mit einer Metapher aus dem Bereich des Rugby: „Ergreifen sie die Beine ihres Gegners – indem sie zeigen, dass er die Quellen schlecht gelesen oder interpretiert hat – und sie werden keine Schwierigkeiten haben, dessen Argumente zu widerlegen.“

    Die Geschichte dieser akademischen Praxis erlaubt es erst, die Vielfalt ihrer Verwendungen zu verstehen. Die Fußnoten verweisen nicht nur auf die Geschichte, wie sich die positivistische Methode, die die Professionalisierung des Berufs des Historikers entwickelt hat. Allgemein gesprochen ist die Normierung der gelehrten Praktiken in Hinblick auf den genauen Nachweis der Quellen jünger als man glaubt: Man kann nur staunen, dass Historiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts diesbezüglich noch immer „hin und her trieben“ (Marc Bloch selbst hatte die Gewohnheit, bibliographische Angaben zu machen, die den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen würden) und man wird sich vielleicht daran erinnern, dass Ernst Kantorowicz 1927 seinen Friedrich II. ohne Fußnoten veröffentlicht hat und ihn vier Jahre später mit einem großen Anmerkungsapparat wappnete, um sich gegen die Angriffe, denen er ausgesetzt war, zu schützen.

    Die Verwendung von Anmerkungen, wie Antony Grafton gezeigt hat, hatte ihren Ursprung aber nicht nur in der gelehrten Geschichte der Positivisten: Sie ist, ohne bis zur mittelalterlichen Glosse zurückzugehen, typisch für den philosophischen Roman des 18. Jahrhunderts (und für die philosophierende Geschichte nach dem Vorbild Voltairs, die unter den Quellen der historischen Schriften in Vergessenheit geraten ist), in dem der Autor seine Prosa mit kleinen neckischen Bemerkungen spickt, die es ihm erlauben, auf das eigene Gesagte zurückzukommen, um es zu kommentieren, oder ihm sogar zu widersprechen. Diese ironische Verwendung des Kontrapunktierens, findet sich beispielsweise sehr stark in dem Verfall und Untergang des römischen Imperiums von Edward Gibbon (1776-1788). Ohne dass sie sich darüber notwendigerweise bewusst sind, lassen die heutigen Historiker diese Tradition wieder aufleben, wenn sie sich im Seitenende mehr Freiheit und Platz einräumen (so sagt man über einige Historiker, dass sie sich in den Fußnoten „gehen lassen“) und einen Paralleltext zu ihrem Haupttext erstellen. Von da stammt das Paradoxon, das die große Bandbreite des Gebrauchs dieser gelehrten Praxis durchzieht: Die Fußnoten, die theoretisch dazu da sind, die persönlichen Implikationen des Historikers aus seinen Ausführungen herauszunehmen, um letztere auf scheinbar neutrale und transparente Weise zu den Quellen zurückzubringen, auf denen sie begründet liegen, nehmen sie gelegentlich eine direktere Sprache an, in der der Autor Zugeständnisse macht, Zweifel und Kritik äußert.


    Haut de page
  • Bibliographie

    Patrick BOUCHERON, 23. Januar 2012 | 18. Januar 2012

    Über die Verwendung der Fußnoten

    - BLOCH Marc, Apologie pour l’histoire ou métier d’historien, Paris, Armand Colin, 1949.
    - COMPAGNON Antoine, La Seconde main ou le travail de la citation, Paris, Le Seuil, 1979.
    - DE CERTEAU Michel, L’écriture de l’histoire, Paris, Gallimard, 1975.
    - GENETTE Gérard, Seuils, Paris, Le Seuil, 1987.
    - GRAFTON Anthony, Les origines tragiques de l’érudition. Une histoire de la note en bas de page, Paris, Le Seuil, 1998 (1. Aufl., 1997 ; dt. Übers. : 1995).
    - PROST Antoine, Douze leçons pour l’histoire, Paris, Le Seuil, 1996.


    Haut de page

  • Notes et adresses des liens référencés

rss | Retrouvez Ménestrel sur Twitter | Retrouvez Ménestrel sur Facebook | Plan du site | Derniers articles | Espace privé | Mentions légales | Qui sommes-nous? | ISSN : 2270-8928