Ménestrel

Médiévistes sur le net : sources, travaux et références en ligne

Navigation par mot-clé
Accueil > Editions Ménestrel > De l’usage de... > ... quaestio universitaire

... quaestio universitaire

  • Über den Gebrauch der universitären Quaestio in der Mittelalterlichen Geschichte

    Elsa MARMURSZTEJN, 20. September 2016

    Elsa MARMURSZTEJN

    (Maître de conférences en histoire du Moyen Âge à l’université de Reims)


    Als wichtigste Geistesübung in der Universität des Mittelalters stellt die Quaestio eine Reflexionsübung dar, die in allen Disziplinen der Scholastik angewandt wurde, welche als „Sphäre der organischen Verbindung von Wissen und Methoden“ (A. Boureau) zu gelten hat. Sie bestand ursprünglich aus einer feineren Interpretationsmethode von den zu kommentierenden Texten. So ist die theologische Quaestio , noch bevor es die universitäre Disziplin gab, innerhalb der von der Bibelexegese entfalteten „Interpretationssituation“ aus der kritischen Forderung entstanden, die sich aus der Undurchsichtigkeit des Textes oder aus Divergenzen zwischen Kirchenvätern ergaben. Am Übergang vom 12. zum 13. Jahrhundert löste sich die Quaestio vom Text und wurde so zum Gegenstand einer selbstständigen Diskussionsübung zwischen einem Lehrer und seinen Schülern. Dieser Übergang von der Quaestio zu Disputatio stellte eine wesentliche methodische Entwicklung dar und kann als eigentliche Basis der Scholastik gesehen werden, wobei dieser Übergang früher im Rechtswesen (wo sich die Quaestio gleichzeitig aus den spezifischen Fällen und ihrer Auflösung, wie sie in den Digesten präsentiert sind, und aus der juristischen Praxis ableitet) entstand, später aber in den Freien Künsten und vor allem in der Medizin. An allen Fakultäten jedoch wurde die Quaestio als Forschungs- und Lehrmethode, als Übung und Nachweis für fachliche Kompetenz verstanden und praktiziert. Die erhaltenen Texte entsprechen den von den Lehrern durchgeführten „Entscheidungen“ (determinationes), die die im Laufe des Streitgesprächs gebildeten Argumente auf drei Ebenen organisieren: Der Darstellung der Pro- und Contra-Argumente folgt die Responsio, in der die anfänglichen Gegensätze dialektisch aufgelöst werden, anschließend werden die verworfenen Argumente widerlegt. Die Quaestio disputata ist somit Teil einer neuen Art der Wahrheitsfindung, die als Konstruktion bzw. Rekonstruktion konzipiert wird. Sie formt sich nach dem Ideal der These-Gegenthese-Untersuchung, wie sie ab dem 12. Jahrhundert durch das Sic et non von Petrus Abaelardus und Gratians Decretum sive Concordia discordantium canonum entwickelt wurde.
    Wenn diese von außen herangetragene, formelle und deskriptive Annäherung an die Quaestio sich ohne Schwierigkeiten auf die Geschichte der Universitäten anwenden lässt, um die spezifischen Lehrmethoden und intellektuellen Praktiken (Akteure, Orte, Rhythmen, Kodifizierungen in den Universitätssatzungen...) nachzuvollziehen, so bleibt doch die Frage nach dem möglichen Gebrauch der eigentlichen Inhalte dieses Denkens „durch Fragen“ in der Geschichtswissenschaft von Aktualität. Die universitäre Quaestio war nämlich lange vom Arbeitsfeld des Historikers ausgeschlossen, der darin kein brauchbares Material glaubte finden zu können. Lange Zeit als nutzlos und ohne Bezug auf die „reale Welt“ verrufen, verkörperte sie in ihren unterschiedlichen Ausprägungen alle Schwächen, die seit der Renaissance dem mittelalterlichen Denken angelastet wurden, das falsche Antworten auf unsinnige, müßige und manchmal obszöne Fragen gebracht habe: sich zu fragen, wie und woher die Haare kommen und warum Frauen keinen Bart haben, das war im Großen und Ganzen Haarspalterei. Zudem hat man der Quaestio lange Zeit ihre streng geregelte Technik, ihren Formalismus und ihre Abstraktion vorgeworfen. Verallgemeinert und auf Fragen angewandt, die doch als durchaus sicher galten („Gibt es Gott?“ „Ist die Seele geistig?“), schien sie weniger „die gewagteste Spitze der Vernunft innerhalb eines Glaubens [zu sein], der, um sich zu erbauen, es zuließ, dass seine Gegebenheit ‚in Frage’ gestellt werde“ (M.-D. Chenu), als eine Scheinhandlung, die einfach dazu diente unter dem Mantel der Vernunft schon bekannte Wahrheiten hervorzuziehen. Schliesslich, und auch wenn das Forschungsgebiet der Historiker sich seit einem Jahrhundert bemerkenswert erweitert hat, bleibt die Quaestio immer noch ein Randobjekt. Würde die Forderung nach ihrer Anwendung nicht von einem unverhältnismäßigen wissenschaftlichen Imperialismus zeugen? Wie kann man diesen Gebrauch zwischen einerseits einer Geschichte der Doktrinen, die nur die solide Konstruktion der Sozial- und Verfassungsgeschichte der Universitäten verfestigen würde, und andererseits einer Philosophiegeschichte, die die Historiker den Philosophen und die Philosophen den Historikern zuschieben, verorten? So stellen sich, allgemein gesprochen, die Hauptvorbehalte gegen die Quaestio dar. Der Prozess um den unzulässigen Gebrauch scholastischer Fragen scheint sich gleichwohl auf eine Einstellung des Verfahrens zuzubewegen.
    So sind in den letzten zwei Jahrzehnten Historiker und Philosophiehistoriker mit vereinigten Kräften für die Rehabilitierung dieser Belanglosigkeit vorgeworfenen Quellengattung eingetreten. Wenn man aber davon ausgeht, dass die Fragen nach dem Ursprung der Haare oder der Abwesenheit eines weiblichen Bartes eine „Logik des Haars“ erfordern, die in Wirklichkeit auch eine „Logik des Lebendigen [war], die einem strengen naturalistischen und aristotelischen Programm folgte“ (A. de Libera), so stellt dies das Anzeichen für eine radikale Veränderung des Ansatzes dar. Neue Studien haben die wissenschaftliche Produktivität der scholastischen Frage aufgezeigt. Indem sie ein Hin und Her zwischen Theorien und präzisem Fallwissen erzeugte, erlaubte sie, anhand von fallbasiertem Schließen zu denken. So führt die Frage über den Kadaver eines in Anwesenheit seines Mörders verblutenden Menschen auf eine präzise Situation zurück, die zum Sinnverständnis rekonstruiert werden muss und zeigt gleichzeitig Probleme auf, von denen die Formulierung in allgemeinen Begriffen nur konventionelle Antworten hervorgerufen hätte.
    Selbst in der Theologie ist die Quaestio seitdem nicht mehr als „das allgemeine Füllsel der Darlegung religiöser Dogmen“ oder „die gelehrte Hülle eines Katechismus’“ (A. Boureau) aufgetaucht: Nicht nur produziert sie Wissen, indem sie Traditionsinhalte umorganisiert, sondern sie konstruiert es durch das Gegenüberstellen der Ansichten. In einem durch das religiöse Wissen und die starke Homogenität der Bezugsquellen geeinten Rahmen ist die theologische Debatte oft lebhaft (wie bspw. über den Schwur oder die Zwangstaufe). Die Zensuren und Verurteilungen zeugen davon, dass die Quaestio nicht bloß eine einfache Geistesübung war. Indem die Geschichte der Zensuren und der intellektuellen Freiheit den Fokus auf die Verbindungen von Institutionen (Kirche, Universität, religiöse Orden) und Wissensproduktion legt, bildet sie übrigens eine der fruchtbarsten Ansatzpunkte für eine Geistesgeschichte, die eine Sozial- und Verfassungsgeschichte der Universitäten und die interne Analyse der geistigen Produktion zusammengliedert. Der Begriff „geistige Arbeit“ (fz. travail intellectuel, E. Anheim und S. Piron) stellt einen ausschlaggebenden Anhaltspunkt dar, da er auf die Prozesse der Ideenproduktion verweist: es geht darum, gleichzeitig und zusammenhängend den Inhalt der Werke und die Bedingungen (seien sie politisch, institutionell, gesellschaftlich, kulturell, materiell, intellektuell) ihrer Produktion zu erfassen.
    Rehabilitiert und in einen historiographischen Ansatz eingebettet, der interdisziplinäre Zusammenarbeiten hochhält, bieten die scholastischen Fragen vielfältige Gebrauchsmöglichkeiten. Sie geben Anlass zu Arbeiten, die ebenso gut über die Vorstellungen Auskunft geben, die sich die mittelalterlichen Universitätsangehörigen über die soziale Aufgabe und den „richtigen Gebrauchs des Wissens“ (C. König-Pralong) machten, als auch über die Konstruktion der Normen, die die verschiedenen Aspekte des kirchlichen Lebens oder der Moralpraxis der Laien regeln sollten. In dieser Hinsicht muss man die Stichhaltigkeit der Quodlibet-Fragen hervorheben, die in der Theologie in den 1240er Jahren aufgekommen sind. Weit davon entfernt, sich lediglich Spekulationen hinzugeben, sind sie, wie die juristischen Casus, fest mit allgemeinen Situationen und den verschiedensten konkreten Fällen verbunden und betreffen genauso die Aneignung, Erhaltung oder Vermehrung materieller Güter (Zehnt, kirchliche Benefizien, Käufe, Verkäufe, Rente, Wucher, Diebstahl...) wie auch die Verpflichtungen und die persönliche Verantwortung (Heirat, Schwur, Zwangstaufe, Hostienfrevel, Mord im Zustand der Trunkenheit...). Jedoch erschöpft sich dieses Forschungsobjekt für den Historiker nicht in diesen praktischen Fragen. „Weil Gott menschliche Form angenommen hat“, stellt die spekulative Theologie eine wahrhaftige Wissenschaft des Menschen dar. Indem sie das Transzendent-Göttliche mit dem Innern des Menschen verknüpft hat, ist somit eine „Anthropologie“ entstanden, die sich als Fragestellung in Bezug auf das menschliche Wesen versteht (A. Boureau).


    Haut de page
  • Bibliographie

    Elsa MARMURSZTEJN, 20. September 2016

    Über den Gebrauch der universitären Quaestio

    - BAZAN Bernardo C. et al., Les questions disputées et les questions quodlibétiques dans les facultés de théologie, de droit et de médecine , Turnhout, Brepols, 1985 (Typologie des sources du Moyen Âge occidental, fasc. 44-45).
    - BOUREAU Alain, En somme. Pour un usage analytique de la scolastique médiévale, Paris, Verdier, 2011.
    - BOUREAU Alain, L’Empire du livre. Pour une histoire du savoir scolastique (1200-1380), Paris, Les Belles Lettres, 2007 (La Raison scolastique, II).
    - KÖNIG-PRALONG Catherine, Le bon usage des savoirs. Scolastique, philosophie et politique culturelle, Paris, Vrin, 2011.
    - «Le travail intellectuel au Moyen Âge. Institutions et circulations», Revue de synthèse, t. 129, n° 4 (2008).
    - MARMURSZTEJN Elsa, L’Autorité des maîtres. Scolastique, normes et société au XIIIe siècle, Paris, Les Belles Lettres, 2007.
    - WEIJERS Olga, Queritur utrum. Recherches sur la “disputatio” dans les universités médiévales, Turnhout, Brepols, 2009.


    Haut de page

  • Notes et adresses des liens référencés

rss | Retrouvez Ménestrel sur Twitter | Retrouvez Ménestrel sur Facebook | Plan du site | Derniers articles | Espace privé | Mentions légales | Qui sommes-nous? | ISSN : 2270-8928