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  • Über den Gebrauch der Quellen

    Joseph MORSEL, 23. Januar 2012 | 9. November 2010

    Joseph MORSEL

    (Maître de conférences an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne)


    Seit den 1980er Jahren steht die Beziehung des Historikers zu seinen Quellen wieder im Vordergrund. Diese Begeisterung geht aber weit über die Produktion von Inhalten (theologischer, literarischer, wissenschaftlicher, philosophischer Art) und die Lektüre hinaus, also über die beiden traditionellen Bereiche, worauf sich die Aufmerksamkeit der Historiker beim Umgang mit Handschriften lange Zeit beschränkt hat. Im Hintergrund zeichnet sich die Frage ab: Warum haben wir Quellen – es geht nicht darum zu fragen, zu welchem Zweck und warum wir Quellen haben, sondern wie sie auf uns gekommen sind. Diese Frage mag auf den ersten Blick merkwürdig, ja sogar naiv wirken, aber sie ist weniger simpel, als es scheint. Sie zieht erneut die verschiedenen Sinnebenen ins Blickfeld, die zwischen den Historiker und dem, was er erzielen möchte, treten: die Gesellschaft, in der dieses Dokument entstanden ist. Der Historiker „hat“ deswegen Quellen: weil man geschrieben hat, weil man das Geschriebene aufbewahrt hat, weil die Dokumente juristisch aber auch praktisch zugänglich gemacht wurden, weil man sie als „Quellen“ bezeichnet hat.

    Das Thema der Schriftlichkeit stellt ein Bereich dar, in dem es seit dem Ende der 1970er Jahre die meisten Arbeiten gab, zunächst in den angelsächsischen Länder, dann in Italien, in Deutschland, der Schweiz und dann auch in Frankreich. Die Fachbegriffe (literacy im Englischen, Schriftlichkeit im Deutschen, Scripturalité im Französischen etc.) sind nicht austauschbar, weil sich dahinter unterschiedliche historiographische Traditionen verbergen und eine wirklich vergleichende Übersicht (Synthese) noch fehlt. Nichtsdestotrotz geht es darum, nicht nur den Inhalt der Quellen in Betracht zu ziehen, sondern auch ihren Entstehungsprozess. Damit wird in Frage gestellt, sie auf einfache Texte zu reduzieren, wozu nicht nur die Editionspraxis, sondern auch die Verallgemeinerung des Begriffs „Text“ geführt hat – letzteres ist eng mit der industriellen Herstellung verbunden, die Ende des 18. Jahrhunderts beginnt und in der der gedruckte Text auf unbegrenzte Zeit reproduzierbar und unabhängig von seiner Vorlage wird. Bei dieser Vorgehensweise geht es nicht um das alte Problem der Echtheit oder Falschheit des Inhalts und so interessiert man sich nur für den Akt des Schreibens: Eine Fälschung oder eine Kompilation (Chartular, Register, etc.) muss im Hinblick auf seine Herstellung untersucht werden, nicht nur bezüglich seines Inhalts. Erst in einem zweiten Schritt, wenn man den Entstehungsprozess der Schrift verstanden hat, kann man sich dem sogenannten Inhalt zuzuwenden.

    Der zweite Aspekt, jener der Aufbewahrung, scheint erst in der Folge der (vor allem deutschen) Arbeiten über die Entstehung und Bewahrung des sozialen Zusammenhalts in einer Gruppe (Gebetsverbrüderung, Zünfte und Bruderschaften, Kommunen, Sippen, etc.) begonnen zu haben, die Ebene der falschen Offensichtlichkeiten („man schrieb, um die Erinnerung zu wahren“ oder „man schrieb, was nutzen konnte“) zu überwinden. Das Thema der memoria als entscheidendem Faktor bei der Entstehung des gemeinschaftlichen Zusammenhalts führt dazu, dass die Forschung ihren Schwerpunkt ganz besonders auf die Schriftlichkeit legt: Da der memoriale Gedanke als Motiv für das Schreiben angenommen wurde, wurde die Textproduktion dem notwendigen Erhalt der Texte nachgestellt. Dies steht im Gegensatz zur geläufigen (utilitaristischen) Vorstellung, man habe Texte aus unmittelbaren pragmatischen Gründen verfasst und sie dann, wenn es nötig gewesen sei, aufbewahrt. Wenn man diese memoriale Funktion anerkennt, führt dies dazu, dass man aus dem Erhalt von Dokumenten nicht mehr ein zufälliges sondern ein wesentliches Phänomen macht. Wenn man sich, wie gewöhnlich, auf die Zerstörung von Dokumenten konzentriert, tut man so, als wäre ihr Erhalt ein normaler, natürlicher Vorgang, das Verschwinden von „Quellen“ nur noch ein Unfall, Wahnsinn oder Dummheit der Menschen. Hinter dieser Ansicht steht aber die Vorstellung des absoluten Erhalts, die durch unsere Gesellschaft geistert. Was also nicht beachtet wird, ist die Tatsache, dass der Erhalt auf einem Auswahlverfahren beruht. So erklärt sich, warum einige Quellenarten seit dem Mittelalter recht systematisch aufbewahrt wurden. Die Untersuchung der unterschiedlichen Aufbewahrungsarten zeigt, dass die dahinter stehende Logik sich nicht allein auf das Kriterium des jeweiligen Nutzens reduzieren lässt, sondern auch Faktoren wie beispielsweise die Schrift oder die Kenntnis des Autors u.a. mit einbezieht.

    Unlängst haben Historiker begonnen sich für die Methoden der Archivierung selbst zu interessieren, d.h. für das Sammeln und Klassifizieren überlieferter Dokumente, und nicht mehr nur für die einfache Erhaltung. Die Archivierung bringt Dokumente zusammen, die bis dahin getrennt von einander aufbewahrt wurden und dann miteinander in Bezug gebracht wurden: Das Interesse für die archivarische Intertextualität ersetzt jenes für den Herstellungskontext eines Dokuments. Dieses Phänomen lässt sich auch in dem Fall beobachten, wenn Dokumenten mit unterschiedlicher Herkunft in Registern kompiliert werden – so besonders bei den Chartularen. Die Tatsache, dass die Unterschiede beseitigt werden, die bei der Erstellung jedes einzelnen Dokuments hinsichtlich Ort und Zeitpunkt bestehen, führt zum festen Bild einer Wirklichkeit (und zwar jene der Institution, die archiviert), die das Bestehen der einzelnen Dokumente übersteigt – jedes Dokument wird daher Ausdruck und Beweis dieser Wirklichkeit. Die Nachlässigkeit des Historikers hinsichtlich der Beziehung zwischen dem Aufbau des Archivs einerseits und der Entstehung und der Erhaltung des Zusammenhalts zwischen den gesellschaftlichen Gruppen anderseits, kann zur Folge haben, dass die zeitliche Stratifizierung undeutlich wird. Da das, was archiviert wird, altes Material ist, kann ein noch nicht bekanntes und untersuchtes Vorgehen bei der Archivierung in der Tat dazu führen, dass der Historiker dazu kommt, die soziale Form, die Archive eingerichtet hatte, in der Vergangenheit zu verorten.

    Der Begriff, der am häufigsten gebraucht wird, um das medium des Historikers zu bezeichnen und zugleich sehr allgemein ist, da man ihn in allen europäischen Sprachen findet, ist der der „Quellen“. All diese Worte verweisen auf dasselbe Bild von sprudelndem und fließendem Wasser, von Reinheit und Transparenz, von einem natürliche Prozess. In dem Sinn, in dem er uns interessiert, handelt es sich aber um einen späten Begriff. In Frankreich taucht er erst Ende des 17. Jahrhunderts auf und setzt sich genauso wie in Deutschland im Laufe des 19. Jahrhunderts als einziger Begriff durch, mit dem die Grundlage der historischen Arbeit bezeichnet wird. Eine ganze Reihe von Redewendungen („verfügbare Quellen“, „Quellen auswerten“, „Rückkehr zu den Quellen“,…) ruft bei jedem die Vorstellung auf, dass die Quelle der Ausgangspunkt historischen Arbeitens ist und selbst nicht ein Produkt, ein Ergebnis. Die „Quelle“ fungiert als „Rohstoff“ der historischen Arbeit und blendet alle vorherigen Etappen (Entstehung, Aufbewahrung, Archivierung) aus. Dies erlaubt, dass der Historiker sich diese (symbolisch) aneignen kann, wenn er fortan von „seinen Quellen“ spricht. Diese symbolische Aneignung, die den Personen, die zuvor in irgendeiner Form mit den Dokumenten zu tun hatten, keinerlei Rechnung trägt, ist umso besser annehmbar, als die Quelle auf ihren reinen Inhalt reduziert wird, der theoretisch unabhängig von seiner materiellen Form und im Rahmen dessen steht, was Bernard Cerquiglini die „pensée textuaire“ nennt, in der sich die Geschichtswissenschaft seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt hat.


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  • Bibliographie

    Joseph MORSEL, 23. Januar 2012 | 20. Dezember 2010

    Über den Gebrauch der Quellen

    - CLANCHY Michael, From Memory to Written Record. England 1066-1307, London, Edward Arnold, 1978 (2. bearb. Auflage Oxford, Blackwell, 1993).
    - CERQUIGLINI Bernard, Éloge de la variante. Histoire critique de la philologie, Paris, Seuil, 1989.
    - CHASTANG Pierre, Lire, écrire, transcrire. Le travail des rédacteurs de cartulaires en Bas-Languedoc (XIe-XIIIe siècles), Paris, CTHS, 2001.
    - «L’historien et ,,ses’’ sources», in : Hypothèses 2003 Travaux de l’École doctorale d’histoire de l’Université Paris I Panthéon-Sorbonne, J. Morsel (Hg.), Paris, Publications de la Sorbonne, 2004, S. 271-362.
    - Dossier « Fabrique des archives, fabrique de l’histoire », Olivier Poncet. Étienne Anheim (Hg.), Revue de Synthèse, 125 (2004), S. 1-195.
    - Écrire, compter, mesurer. Vers une histoire des rationalités pratiques, Natacha Coquery, François Menant, Florence Weber (Hgg.), Paris, Éd. de l’ENS Rue d’Ulm, 2006.


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