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  • Über den Gebrauch von Bankdokumenten

    Matthieu SCHERMAN, 14. September 2016

    Matthieu SCHERMAN

    Membre de l’École française de Rome


    Welchen Gebrauch kann man von Bankdokumenten machen? Um die Herausforderungen zu verstehen, die dieser Quellentyp, der gleichzeitig sehr speziell und von strategischer Bedeutung für die spätmittelalterliche Geschichte ist, der Forschung stellt, müssen ihre Entstehungsbedingungen in Erinnerung gerufen werden, aber auch diejenigen – äußerst ideologisierten – ihrer Analyse und Nutzung. Im Zentrum der Überlegungen zur Entstehung des Kapitalismus’ stellt das Bankdokument tatsächlich ein historisches Objekt dar, dessen „Neutralisierung“ sich als schwer (oder unmöglich?) erweist.
    _So sind es auch Dokumente, die schwer zu interpretieren sind und dem Forscher Probleme bei ihrer Behandlung bereiten. Das Erlernen bestimmter Eintragungsnormen durch die Bankiers hat zur Einführung eines standardisierten Buchwesens geführt, sei die Buchführung doppelt (so insbesondere bei toskanischen Unternehmen) oder einfach gehalten. Auch wenn sie trocken erscheinen, mit einer wahren Litanei an Zahlen und Namen, so bieten die Schriften aus den Betrieben der Kaufleute und Bankiers, vor allem die Rechnungsbücher, eine große Anzahl an Informationen, welche die Wirtschafts- und Sozialgeschichte neu beleuchten können.
    Wenngleich alle westeuropäischen Länder ziemlich frühzeitig (im 13. Und 14. Jhdt.) schon Bankdokumente produziert – und erhalten – haben, so erscheint doch Italien und insbesondere die Toskana als der Hauptschauplatz für die Konservierung von Bankdokumenten im Mittelalter, dank der Kraft der grossen Handels- und Bankgesellschaften, die Niederlassungen in den Hauptfinanzplätzen Europas hatten: vor allem in Brügge, dem wichtigsten Standort des europäischen Nordwestens, aber auch in Genf oder London und Barcelona.
    Die den Bankdokumenten zugemessene Bedeutung kann auf enger Weise mit den Strömungen in der modernen Wirtschaftsgeschichte sowie den besonders regen Debatten über das Wesen des Kapitalismus’ verknüpft werden.
    Federigo Melis (1914-1973) hat in seinen zahlreichen Studien über etwa zwanzig Jahre hinweg zu einer erweiterten Kenntnis über die Ursprünge vor allem der toskanischen Banken, ihrer Organisation, ihrer Funktionsweise und ihrer Rolle in der Wirtschaft beigetragen. Als Ökonom ausgebildet hat er Rechnungswesen und seine Geschichte unterrichtet. Er hat zahlreiche Forscher dazu angeregt über Bankdokumente zu arbeiten und hat die Gründung des Istituto Datini, dem großen Zentrum für Wirtschaftsgeschichte, veranlasst. Das Istituto ist in Prato, also dort, wo auch die Dokumente des Kaufmanns Francesco di Marco Datini entdeckt wurden, der Ende des 14. bis Anfang des 15. Jahrhunderts tätig war. In seiner 1950 veröffentlichten Geschichte des Rechnungswesens meint Melis, Bankdokumente seien die wichtigsten Quellen der Wirtschaftsgeschichte – Dokumente, die ihm zufolge dort nicht ausreichend hinzugezogen worden seien. Er interessiert sich für die „Geburt des Kapitalismus’“, was bezeichnend für seine Zeit war, und hat nach den Ursprüngen des Bankwesens sowie den ersten Gebrauch von Wechselinstrumenten als Kreditformen geforscht. Sein Werk bleibt unerlässlich für jeden, der ein Rechnungsbuch analysieren möchte. Gleicher Weise sind auch Raymond De Roovers Arbeiten, insbesondere über den Börsenplatz in Brügge und die Medici, reichhaltig und fruchtbar. Bezüglich der Techniken des Wechselbriefs ist das 6. Kapitel seines Meisterwerks über die Medici von großer Klarheit. Es erlaubt mühelos, anhand von Beispielen, die Funktionsweise dieses Instruments nachzuvollziehen, welches von allen Akteuren im europäischen Banksektor verwendet wurde. R. De Roover ist, mit Abbot Payson Usher, der über die katalanischen Börsenplätze gearbeitet und ebenfalls versucht hat, den Ursprung des Bankenwesens ausfindig zu machen, einer der Hauptvertreter der amerikanischen Business history.
    _Seit den Studien von F. Melis und R. De Roover sind zahlreiche Familiengeschichten veröffentlicht worden, die unsere Kenntnisse über die Familien der Kaufleute und Bankiers, vor allem aus der Toskana, verdichten, indem sie ihren Werdegang und ihre Geschäfte darstellen. Andererseits wurde die von den ersten Historikern des Bankwesens postulierte absolute italienische Dominanz auf europäischen Börsenplätzen stark nuanciert, vor allem durch Studien in den 1990er Jahren über Belgien und die Niederlande. Diese haben gezeigt, dass die örtlichen Financiers im Vergleich zu italienischen nicht „zurückgeblieben“ waren und dass sie eine sehr gute Mittlerposition zwischen den Ausländern und den Einheimischen eingenommen hatten.
    Außerdem hat Yves Renouard gezeigt, wie bedeutend die Präsenz überall der toskanischen Bankiers für den Papst war: diese ermöglichten Geldtransfers aus der gesamten europäischen Christenheit nach Avignon im 14. Jahrhundert. Immerhin müssen noch die Daten der zahlreichen Bankregister des 15. Jahrhunderts ausgewertet werden, um die Geschichte des Geldtransfers hin zum Papst zu vervollständigen, aber auch die Mittlerrolle der Toskaner in Bezug auf die örtliche Bevölkerung zu analysieren. Ohne die italienischen Bankiers hätten sie nur schwerlich Bullen, Vorteile oder auch Erteilungen päpstlicher Dispense zur Eheschließung erhalten können.
    Im Laufe der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts haben zwei Historiker diese Ansätze über das Bankenwesen erneuert und somit zu einer besseren Kenntnis der Organisation des europäischen Wirtschaftssystems beigetragen. Die Überlegungen von Reinhold Mueller und Richard Goldthwaite haben die Organisation der europäischen Wirtschafts- und Finanzströme der Toskana und der venezianischen Börse hervorgehoben. R. Mueller hat durch sein Studium der Wechselmärkte, die von Venedig ausgingen, und des Gebrauchs der Wechsel als Hauptkreditinstrument im europäischen Raum unser Verständnis der europäischen Wirtschaftsgeschichte verfeinert. Von solchen Untersuchungen wird die Notwendigkeit der Verwendung von Rechnungsdokumenten unterstrichen, um Aufschluss über die Wirtschaftsgeschichte im europäischen Mittelalter zu geben.
    Die Bankdokumente eröffnen einen einzigartigen Blick auf Handel und Warenumlauf, aber auch auf die Arten der Verschriftung bei all diesen Vorgängen. So nähert man sich den Denkmustern der Handlungsträger dieser Zeit. Auf diese Weise können sich aus den Dokumenten, die von den Tätigkeiten der Kaufleute und Bankiers stammen, eine bemerkenswerte Anzahl an Forschungsfragen für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte ergeben. Nun heißt es, die Überlegungen zu den Akteuren selbst voranzutreiben und sich beispielsweise zu fragen, inwiefern sie an der Konstruktion ihrer eigenen Position im europäischen Raum des Mittelalters selbst beteiligt waren.
    Tatsächlich bieten die Rechnungsbücher der Bankniederlassungen eine unvergleichliche Beobachtungsstelle, um die Netzwerke, die Umläufe und die Verschachtelung der europäischen Räume gründlicher zu erforschen. Alle Wirtschaftsskalen, von den örtlichen Kreditmärkten bis zu den großen internationalen Handelsströmen, können über den Umweg der Dokumente der großen Bankunternehmen untersucht werden.
    So muss nur noch eine tiefgreifende Analyse der Organisation einer dieser großen Gesellschaften durchgeführt und die Unternehmen untereinander verglichen werden, damit die gemeinsamen Praktiken, oder die unterschiedlichen Profile je nach dem Anteil des Wechselhandels im Verhältnis zum Warenumsatz im Geschäftsumfang, oder noch der Aufbau von verschiedenen Netzwerken innerhalb dieser mächtigen „sehr kleinen Welt“ beleuchtet werden. Zwar handelt es sich tatsächlich um eine kleine Minderheit, aber eine Minderheit, deren Geschäfte grundlegend für die Ausbildung von Wirtschafts- und Handelsstrukturen auf dem europäischen Kontinent waren. So müssen noch verschiedene Bereiche der Wirtschaftsgeschichte mit Hilfe der Bankdokumente des ausgehenden Mittelalters erforscht werden. Aber am wahrscheinlichsten können wir unsere Kenntnisse in den kommenden Jahren durch die gemeinsame Untersuchung dieser Quellen erweitern und erneuern.


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  • Bibliographie

    Matthieu SCHERMAN, 14. September 2016

    Über den Gebrauch von Bankdokumenten

    - DE ROOVER Raymond, The Rise and decline of the Medici Bank, 1397-1494, Cambridge, Harvard University Press, 1963 (ergänzen, um eine erste Version im Jahr 1948).
    - EDLER DE ROOVER Florence, Glossary of Mediaeval terms of business, Italian series, 1200-1600, Cambridge, the Mediaeval Academy of America, 1934.
    - MELIS Federigo, Aspetti della vita economica medievale, studi nell’Archivio Datini in Prato, Florence, L. S. Olschky, 1962.
    - MUELLER Reinhold C., The Venetian Money Market. Banks, Panics, and the Public Debt, 1200-1500, Baltimore, Johns Hopkins University Press, 1997.
    - GOLDTHWAITE Richard A., Banks, Palaces and Entrepreneurs in Renaissance Florence, Aldershot, Variorum, 1995.


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