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... vincent de beauvais

  • Die Verwendung des Vinzenz von Beauvais in der Mediävistik

    Benoît GREVIN, Monique PAULMIER-FOUCART, 6. März 2013

    Monique PAULMIER-FOUCART (Ingénieur de recherche honoraire)
    et Benoît GRÉVIN (Chargé de recherche - CNRS, Laboratoire de Médiévistique Occidentale de Paris)

    Übersetzerin: Anne Holtmann-Mares


    Fünf Jahrhunderte nach den Etymologie des Isidor von Sevilla und 600 Jahre vor der Encyclopédie versuchte das Speculum maius des Dominikaners Vinzenz von Beauvais bereits, „die über die Erde verstreuten Kenntnisse zu sammeln, unseren Zeitgenossen ihre Zusammenhänge zu präsentieren und sie den zukünftigen Generationen zu übermitteln“ (Diderot, 1751). Ist der Vergleich auch über die Definition eines enzyklopädischen Projekts hinaus gültig? Die traditionelle Interpretation des Werkes setzt dem offenen Geist der Aufklärung den Konservatismus dieses Großen Weltspiegels (um 1230-1250) entgegen, und dabei seine Unbrauchbarkeit, die Dynamik des mittelalterlichen Denkens zu verstehen. Demnach stelle das Speculum maius die Synthese eines im Moment seiner Entstehung überholten Wissens dar. Handelt es sich hierbei nicht um einen Irrtum?
    Gewiss: Für die Auftraggeber des Werkes, die Dominikaner, ging es um eine kontrollierte Öffnung für die neuen Kenntnisse der aristotelischen und arabischen Wissenschaften, die seit dem 12. Jahrhundert in den lateinischen Okzident strömten, gemäß dem Ordensprogramm: „Wer lernend ein Born der Wissenschaft wird, kann anschließend eine Quelle der Ermahnung für andere werden“ (Humbertus de Romanis, Expositio regulae beati Augustini, c. 143). Demnach musste man ein „Buch der Bücher“ schaffen, das über das gesamte Wissen der Welt Rechenschaft ablegen sollte. Zuerst zugunsten der lectores-Professoren in den dominikanischen studia: Nicht alle Brüder waren universitäre Lehrmeister wie Albertus Magnus, Thomas von Aquin oder Robert Kilwardby, aber alle Ordensbrüder waren Prediger im Dienste des menschlichen Fortschritts gemäß dem göttlichen Plan. Der Auftrag für das Speculum maius entsprach zuerst dem Wunsch nach einer gesicherten Sammlung aller für die Steuerung der Gesellschaft notwendigen Kenntnisse. Häufig wird gesagt, dass das Werk aufgrund der Verbundenheit zwischen König Ludwig IX. und Vinzenz von Beauvais im königlichen Auftrag entstanden sei. Doch beruhten das Projekt und seine Entwicklung auf einer Initiative des Dominikanerordens.
    Dreieinhalb Millionen Wörter… Um diese Buch-Bibliothek zu schaffen, musste man das in den Bibliotheken gesammelte Material annotieren, zusammenfassen, auswählen und ordnen, um ein Speculum maius zu schaffen, zunächst in zwei (pars naturalis/pars historialis, um 1244), dann in drei Teilen (um 1250):
    - Speculum naturale in 32 Büchern;
    - Speculum doctrinale (unvollendet) in 17 Büchern;
    - Speculum historiale in 31 Büchern.
    Jedes Buch ist in ca. einhundert Kapitel mit einem beschreibenden Titel eingeteilt, jedes Kapitel wird durch ein oder mehrere Zitate konstituiert, die durch Verweise auf den Titel des Werkes und den Autor identifiziert werden; innerhalb dieser gewaltigen Kompilation erscheinen die Einschübe des Vinzenz von Beauvais unter dem Namen Actor.
    Seine Fülle und seine Anordnung – ordinatio – waren ausschlaggebend für seinen Erfolg. Wenig überraschend basiert es auf dem augustinischen Zeitkonzept: Das Speculum maius ist eine Geschichte ohne Anfang und Ende, die vom vorzeitlichen Gott über die sechstägige Schöpfung und das Werk der Natur (Speculum natural) bis zum Ende der Zeiten verläuft und sich um den Sündenfall dreht und um die dem Menschen gewährten Mittel, um den Verlust des Paradieses abzumildern, nämlich die Kenntnis der Künste und Wissenschaften (Speculum doctrinale); darauf folgt der Zeitablauf, facta et gesta, des Menschen auf seinem Weg zum Heil (Speculum historiale.
    Antikes und patristisches Erbe, mittelalterliche Beiträge vor allem der frühen Scholastiker: Auf diese Weise ist eine Archäologie des um 1250 zugänglichen Wissens geschaffen. Der Vergleich der naturalen und doktrinalen Partien in den Editionen von 1244 und 1250 ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Die dominikanische Enzyklopädie blieb 300 Jahre lang ein supermercato completo della cultura (Giuseppe Billanovich), aus dem alle schöpften, einschließlich der ersten Humanisten. Von diesem herausragenden Platz in der europäischen Kultur zeugen überlieferte Manuskripte, Inkunabelausgaben, Übersetzungen und Nachschlagewerke – wie die um 1320 von Jean Hautfuney an der Kurie von Avignon herausgegebene Table alphabétique du „Speculum historiale“ oder die alphabetische Neufassung des Speculum naturale durch den Spanier Juan Gil de Zamora (um 1240 – 1320) – sowie Erwähnungen und Verwendungen mannigfaltiger Art.
    Das Speculum historiale (und seine Übersetzungen, etwa der um 1283 begonnene flämische Spiegel histriael des Jacob Van Maerlant, der von Jean de Vignay um 1330 übersetzte Miroir historial u.a.) dominiert diese Rezeptionsgeschichte, insbesondere da es ein unerschöpfliches Reservoir an Heiligenviten und ausführlichen Auszügen antiker, patristischer und mittelalterlicher Werke enthält, die den Kern dieser lateinischen Kultur bilden. Der Einfluss der beiden anderen Teile, der weniger direkt sichtbar ist, bleibt groß – und dies bis zur Geographie von Kant.

    Welchen Gebrauch kann der Mediävist von dieser Fülle an Dokumenten machen? Die Erschließung der durch die Werkstatt Vinzenz’ von Beauvais herausgearbeiteten Grundlagen bedingt eine Methodologie, die notwendig ist, um die Grenzen dessen, was man eine naive Auswertung mittelalterlicher Enzyklopädien nennen könnte, zu überwinden. Man kann daher drei Stufen der Textanalyse vorschlagen:
    Eine erste Lesestufe besteht darin, das Speculum maius auf das Vorhandensein bestimmter Objekte, Personen und Themen hin zu untersuchen, um deren Vorkommen zu kommentieren. Diese Strategie, die sich für Personen der biblischen und klassischen Geschichte ebenso auszahlt wie für die französischen Könige, um drei Beispiele zu nennen, stößt schnell an eine Reihe von Grenzen, die auf Konzeptualisierungsprozesse und auf die spezifischen Eigenheiten der Kompilation des Werkes zurückzuführen sind und die es notwendig machen, zusätzlich lexikalische Überlegungen zu entwickeln. So hat eine Untersuchung des Islam im Speculum über die Abfrage der Begriffe Mahomet und Sarracen-i, -os, -orum, -is… zu verlaufen. Manchmal ist die Fußangel weniger offensichtlich. Man muss gut informiert sein, um zu wissen, dass sich die – faszinierende – Aufnahme einer Diskussion über die „Fabeln“ des Talmuds hinter der Schreibweise Tharmuth verbirgt, die Vinzenz entsprechend den von ihm ausgewerteten Kompilationen der anti-jüdischen Schriften Cluniazensischer Herkunft verwendete.
    Die genannten Schwierigkeiten führen zum Vorschlag einer zweiten „indirekten“ Lesart des Speculum maius. Diese würde im Gegenteil versuchen, die im Schatten der Enzyklopädie liegenden Hinweise auszuwerten. So fördert die Analyse des lexikalischen Feldes der Grundbegriffe des Speculum historiale zutage, dass Hinweise auf das politische Gewicht des Lehnswesens und der Vassalität relativ selten sind: Es gibt keine Verwendung des Begriffs feudus – Irrtümer ausgenommen –, nur eine Handvoll Erwähnungen von vasallus, vasalli, häufiger barones (dieser Begriff bedeutet jedoch im Französisch des 13. Jahrhunderts Hochadlige). Dies legt nahe, dass das Projekt des Schreibens selbst die Wahrnehmung der Strukturen des feudalistischen Okzidents zu einer vereinheitlichenden Sichtweise „nivelliert“, die mit der kirchlichen Doktrin ebenso wie mit der Vorstellung einer Kontinuität der politischen Strukturen und des Königtums konform geht. Es ist jedoch Vorsicht geboten, was einen übereilten Gebrauch einer Argumentation a silentio betrifft! Die Verlagerung der Untersuchung auf das Speculum doctrinale (die nach Abschluss des Projekts Sourcencyme voll und ganz möglich sein wird) zeigt, dass sich der Autor in diesem Teil seines Werkes, unter der Rubrik De infeudatione (Doctr. VII, 145), einer wirklichen Reflexion über das Konzept widmet. Die Frage nach dem „Vorhandensein“ bzw. dem „Fehlen“ hängt demnach von einer geduldigen Untersuchung der verschiedenen Facetten des Werkes ab, die nach und nach zur Erstellung eines passenden Analyserasters führen wird.
    Der Wunsch nach einer Verfeinerung unserer Fragestellungen, welche die Gefahr simplifizierender Interpretationen verhindern soll, legt schließlich eine dritte Untersuchungsebene des Speculum nahe. Diese bestünde darin, den Einfluss der konzeptuellen Filter zu bestimmen, die der Kompilator zur Organisation seines Diskurses verwendet, indem man untersucht, welches Gewicht biblische, klassische, patristische und scholastische Ausdrucksweisen bei der Auswahl der Begriffe haben, die Begriffe und Ereignisse bewerten. Die Tatsache, dass Vinzenz von Beauvais alttestamentarische Wörter und Wendungen verwendet, um beispielsweise die Aufstände gegen die Kirche oder das Königtum zu bewerten, ist an und für sich nicht überraschend. Aber das Verständnis dessen, wie diese verschiedenen mittelalterlichen Denk-Matritzen die Informationsschaffung auf einer Ebene konzeptueller Wahlmöglichkeiten beeinflussen, könnte dazu beitragen, tiefer in die leitenden Strukturen eines Spiegels einzudringen, der die mittelalterliche Welt entsprechend so komplexer Gesetze reflektiert, dass es noch vieler Jahre bedarf, um sie zu erhellen.


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  • Bibliographie

    Benoît GREVIN, Monique PAULMIER-FOUCART, 6. März 2013

    Die Verwendung des Vinzenz von Beauvais

    - Wichtigste Edition bleibt jene des Speculum quadruplex (die ein ganz anders angelegtes, apokryphes Speculum morale enthält, Ende 13. Jahrhundert), Douai 1624, Neudruck 1965 ; online unter: http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/titleinfo/1352437).
    - Das Atelier Vincent de Beauvais des Centre de médiévistique Jean-Schneider (CNRS/Université de Nancy 2) hat die Gesamtheit des Speculum maius in den digitalen Korpus der Enzyklopädien des 13. Jahrhunderts aufgenommen und markiert. Dies geschah im Rahmen des Projekts SOURCENCYME (Quellen mittelalterlicher Enzyklopädien), das unter anderem darauf zielt, die Quellen dieser Enzyklopädien zu identifizieren. Der Korpus wurde 2012 ins Netz gestellt: http://medievistique.univ-nancy2.fr//?contentId=7846.
    - PAULMIER-FOUCART, M., unter Mitarbeit von DUCHENNE, M. C., Vincent de Beauvais et le „Grand Miroir du monde”, Témoins de notre histoire, Turnhout 2004 (im Beitrag VdB et le Grand Miroir zitiert).
    - Vincent de Beauvais: intentions et réceptions d’une œuvre encyclopédique au Moyen Age. Actes du XIVe Colloque de l’Institut d’études médiévales, Université de Montréal 27-30 avril 1988, hg. von S. Lusignan, M. Paulmier-Foucard und A. Nadeau, Saint-Laurent-Paris 1990 (Cahiers d’études médiévales. Cahier spécial 4).
    - „Lector et compilator”. Vincent de Beauvais, frère prêcheur. Un intellectuel et son milieu au XIIIe siècle. Rencontres à Royaumont, Creaphis, hg. von S. Lusignan und M. Paulmier-Foucard, Grâne 1997.
    - BILLANOVICH, G., PRANDI, M. und SCARPATI, C., „Lo Speculum di Vincenzo di Beauvais e la letteratura italiana dell’età gotica”, in: Italia medioevale e unamistica XIX (1976), S. 89-170.
    - MEIER, C., „Organisation of Knowledge and Encyclopaedic ordo: Functions and Purpose of an Universal Literary Genre”, in: Pre-Modern Encyclopaedic Texts. Proceedings of the Second COMERS Congress, Groningen, 1-4 July 1996, hg. von P. Binkley, Leiden 1997, S. 103-126 (Brill’s Studies in Intellectual History, 79).
    - DRAELANTS, I., „La science naturelle et ses sources chez Barthélemy l’Anglais et les encyclopédistes contemporains”, in: Bartholomäus Anglicus, “De proprietatibus rerum”. Texte latin et réception vernaculaire, hg. von B. Van den Abeele und H. Meyer, Turnhout 2006, S. 43-99 (De diversis artibus, Coll. de travaux de l’Académie internationale d’Histoire des sciences, hg. von E. Poulle und R. Halleux, Bd. 74, N.S. 37).


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