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  • Über die Verwendung Bachtins in der mittelalterlichen Geschichte

    Marie BOUHAÏK-GIRONÈS

    (Forschungsbeauftragte CNRS)

    Übersetzer: Harald Sellner


    In den 1970-1980er Jahren wurden die Literatur- und Geisteswissenschaften und besonders das Milieu französischer Intellektueller vom Werk Michail Bachtins (1895-1975) stark beeinflusst. Dass dieser Gelehrte gerade in Frankreich einen solch großen Wiederhall gefunden hat, verdankt er besonders Julia Kristeva und Tzvetan Todorov: „Bachtin […] ist der bedeutendste sowjetische Denker im Bereich der Geisteswissenschaften und der größte Literaturtheoretiker des 20. Jahrhunderts“ (Todorov). Damit wurde der Ton angegeben. An den Universitäten verbreitete sich die Begeisterung für Bachtin in der Folge rasend schnell und es setzte sich durch, besonders häufig, ja sogar übermäßig häufig auf ihn zu verweisen. Aus dem reichen Oeuvre Bachtins hat vor allem ein Buch das Interesse der Mediävisten (Historiker und Literaturwissenschaftler gleichermaßen) geweckt: Das Werk François Rabelais‘ und die Volkskultur des Mittelalters und der Renaissance, das 1965 in Moskau herausgegeben und 1970 ins Französische übersetzt wurde (dt. Ausgabe: Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987). Der Reiz, der von Rabelais auf die Mediävisten ausging, kam vor allem daher, dass dieses Werk eine Alternative zu der Schreckensvorstellung des späten Mittelalters bot, die der niederländische Historiker Huizinga 1919 in seinem Herbst des Mittelalters vorschlug, ein Werk, das bis dahin die Kulturgeschichte dominiert hatte. Diese neue theoretische Wendung, die von einem russischen Gelehrten ausging, hob die subversive und belebende Kraft des Lachens hervor und gab damit den Mediävisten das Lächeln zurück.
    „Die gesamte äußerst reiche Volkskultur des Lachens hat im Mittelalter außerhalb der offiziellen Sphäre der gelehrten Ideologie und der gehobenen Literatur stattgefunden und sich entwickelt.“ Weil er sein Vokabular der Revolutionsrhetorik entlehnt, wird die Kultur, die man für gewöhnlich aus der Kritik heraus als „profan“ bezeichnet unter der Feder Bachtins „populär“. Er beschreibt die gegensätzliche Dialektik zwischen der Volkskultur und der offiziellen Kultur und zeigt, wie die eine von der anderen lebt. So entwickelt er das Modell der „Karnevalisierung“, womit er jenen Prozess bezeichnet, bei dem die Volkskultur und die Kultur des Komischen in die sogenannte „hohe“ Literatur eindringen und in diese integriert werden. Dieser Prozess, der in der Renaissance seine Vollendung fand, habe demnach bei Rabelais seinen „höchsten Ausdruck“ gefunden. Auch wenn Bachtin die historische Tiefe des Textes Rabelais‘ ergründet hat, distanziert er sich in nichts von der traditionellen evolutionistischen Kritik, wenn er in der Epoche des Mittelalters nichts anderes sieht als die lange Vorbereitung eines Prozesses, der seinen Anfang im 15. Jahrhundert nimmt und mit Rabelais seinen Abschluss findet. Diese teleologische Sichtweise ist nicht der einzige Aspekt, der uns heute auf Distanz zu Bachtins Modell hält und uns Anlass bietet, nach dessen Richtigkeit zu fragen. Bachtin definiert die „Volkskultur“ nicht positiv: Er verwendet diesen Begriff synonym für die „nicht offizielle Kultur“ und stellt sie somit der „offiziellen Kultur“ gegenüber, womit er genau an die Dialektik dieses Gegensatzes anknüpft. Diese „offizielle Kultur“ wird als die „Kultur der Kirche und des Staates“ definiert. Es scheint klar zu sein, dass Bachtin die Situation der UDSSR der 1930-1940er Jahre beschreibt und nicht die mittelalterliche Gesellschaft, die er schlecht kennt und die ihn nur wenig interessiert. Vielmehr gilt sein Interesse der Zukunft des homo sovieticus. Die Verwendung des Begriffs „offizielle Kultur“ scheint unter der Feder Bachtins dennoch doppeldeutig zu sein: Diese repressive Kultur ist sowohl die des Zaren, als auch die des stalinistischen Regimes. Das Mittelalter wird instrumentalisiert und zwar in der nicht seltenen Assimilierung und Reduzierung der Begriffe „Mittelalter“ und „Volk“. Man muss also die Spanne messen zwischen den historischen Gegenständen, die Bachtin mit den von ihm verwendeten Konzepten in Beschlag nimmt (die mittelalterlichen Feste, karnevaleske Praktiken, literarische Texte) und den sich daraus ergebenden Paradigmen, nämlich allgemeinen Modellen, die dazu entwickelt wurden, um die russische Gesellschaft zu erklären. Denn das, was Bachtin als Paradigmen vorgestellt hat, wurde schnell mit historischen Fakten verwechselt. Der studierte Philosoph Bachtin, der Linguist geworden ist, dachte als Philosoph des Ästhetischen und nicht als Literaturhistoriker.
    Die Verwendung des Begriffs „Volkskultur“ setzt sich nach Bachtin fort. Muchembled (Culture populaire et cultures des élites dans la France moderne, 1978) lieferte die historische Arbeit, die Bachtin nicht geleistet hat, indem er hunderte von Seiten der Beschreibung einer Volkskultur widmete, die mit der bäuerlichen Kultur gleichgesetzt werden kann. Le Goff bereicherte die Frage noch: Er machte aus der „Volkskultur“ und der „Gelehrtenkultur“ zwei Begriffe, die nicht gegensätzlich sind, sondern komplementär, um nach den verschiedenen Bildungsniveaus fragen zu können.
    Indem er die Literatur- und Festpraktiken des Mittelalters mit dem berühmtesten Autor des 16. Jahrhunderts, François Rabelais, verband, hat Bachtin viel dazu beigetragen, die Literatur und das Theater des späten Mittelalters bekannt zu machen. Der Preis hierfür war nichtsdestotrotz, dass die Lektüre Rabelais‘ Missverständnisse hervorrief und dass man Rabelais letztlich weniger las. Man beruft sich stets in ein oder zwei Sätzen auf Bachtin, wenn es darum geht, diese noch wenig erforschten Bereiche, anzugehen. So führt die Kritik daran, dass das mittelalterliche Theater das „Volk“, d.h. die Bauern, auf der Bühne sehen will, mit den Begriffen „Volkskultur“, „réalisme grotesque“ und „bas corporel“ dazu, dass man das mittelalterliche Schelmenstück einer realistischen Lektüre unterzieht, obgleich diese Form des Theaters auf der Metapher, der Polysemie und der Zweideutigkeit gründet.
    Seit kurzem ist in der Historiographie eine erneute Beschäftigung, pro et contra, mit dem Werk Bachtins erkennbar. Nach Jahrzehnten bachtiner Hagiographie wurde vor kurzem eine strenge und mit Dokumenten versehene Studie (Bronckart & Bota) veröffentlicht, die sich hauptsächlich mit den „umstrittenen Texten“ befasst, nämlich den Texten Medvedevs und Volochinovs, deren Autorschaft sich Bachtin widerrechtlich angeeignet hatte. Zudem kennt man nun die politischen Bedingungen besser, die zur Entstehung des Rabelais geführt haben: Ende der 1920er Jahre konzipiert, wurde das Werk 1940 ein erstes Mal als Dissertation abgeschlossen, bevor es anlässlich seiner Publikation 1965 neu bearbeitet wurde. Nachdem Bachtin 1928 im Zuge der Repressionswelle der Intelligentsia der Jahre 1928-1932 verhaftet wurde, hat er einen Großteil seines Rabelais im Gefängnis oder im Exil neu geschrieben. Sein Zugang zu den Quellen war somit sehr eingeschränkt (Depretto). In Russland steht die erste kritische Edition der Werke Bachtins kurz vor dem Erscheinen (Bocarov / Popova). Diese Arbeiten, die die komplexe Geschichte der Entstehung des Rabelais darlegen und jeder weiteren Studie über die Theorien Bachtins ein solides wissenschaftliches Fundament liefern, sollten den Anstoß zu neuen Übersetzungen geben und dazu beitragen, die Probleme zu beseitigen, die oft durch ein Missverständnis der von Bachtin verwendeten Begriffe hervorgerufen wurden, und von denen man annimmt, dass sie schlecht übersetzt worden sind. Während man darauf wartet, dass Slavisten, Übersetzer und Spezialisten Rabelais‘ in einer gemeinsamen Anstrengung dem Werk zu einer neuen Deutung verhelfen, hat es den Anschein, als sei die Richtigkeit der Konzepte Bachtins für Mediävisten nicht vertretbar. Die Werke Bachtins rufen zahlreiche methodische, epistemologische und sogar ethische Bedenken hervor. Die Hauptthese, die er in seinem Rabelais entwickelt – die Umkehrung der gesellschaftlichen und institutionellen Hierarchie durch die Umkehrung des „Niedrigen“ in das „Hohe“ nach dem Vorbild des Karnevals und die Freisetzung von Haltungen und Äußerungen, die normalerweise verboten sind – kann der historischen Analyse nur schwer standhalten. Die libertäre bzw. anarchistische Vorstellung, die Bachtin von der Kultur des Mittelalters und der Renaissance besaß, hatte als paradoxes Ergebnis, dass unsere Vorstellung von dieser Kultur entfremdet wurde und vollkommen verkümmert. Die Art dieses intellektuellen Projekts Bachtins lässt aber keinen Zweifel bestehen: Es handelte sich um ein Geste des Widerstandes gegen die Unterdrückung.

    Marie BOUHAÏK-GIRONES, 7. März 2014 | 21. September 2012
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  • Bibliographie

    De l’usage de Bakhtine

    - BAKHTINE Mikhaïl, L’œuvre de François Rabelais et la culture populaire au Moyen Âge et sous la Renaissance, Paris, Gallimard, 1970.
    - BAHTIN M. M., «Fransua Rable v istorii realizma (1940g). Materialy k knige o Rable (1930-1950e gg.), kommentarii i priloženija», in Sobranie sočinenij [«François Rabelais dans l’histoire du réalisme (1940): documents pour un livre sur Rabelais (1930-1950), commentaires et annexes», in Recueil], Bd. IV, Irina Popova (Hg.), Moscou, Institut mirovoj literatury im. M. Gor´kogo Rossijskoj Akademii Nauk, Jazyki slavjanskih kul´tur, 2008.
    - BOUHAÏK-GIRONES Marie, «Oublier Bakhtine pour comprendre le théâtre médiéval ?», in Le savant dans les lettres: réécriture et érudition dans la réception du Moyen Âge, Ursula Bähler und Alain Corbellari, Rennes, Presses universitaires de Rennes, 2014, p. 235-246.
    - BRONCKART Jean-Paul und BOTA Christian, Bakhtine démasqué. Histoire d’un menteur, d’une escroquerie et d’un délire collectif, Genf, Droz, 2011.
    - CLARK Katarina und HOLQUIST Michael, Mikhail Bakhtin, Cambridge, Harvard University Press, 1984.

    Marie BOUHAÏK-GIRONES, 7. März 2014 | 21. September 2012
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