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... hagiographie

  • Über den Gebrauch der Hagiographie in der mittelalterlichen Geschichte

    Monique GOULLET

    (Forschungsdirektorin CNRS-LAMOP)

    Übersetzer: Harald Sellner


    Hagiographie ist eine schwer zu fassende Gattung, denn eigentlich ist sie weder eine Gattung, noch eine literarische Kategorie, noch eine Art von Diskurs. Kein Autor der christlichen Antike und des Mittelalters bezeichnete sich jemals als Hagiograph. Der Begriff „Hagiographie“ existierte damals nicht, zumindest in dem Sinne, in dem wir ihn heute verstehen. Das Schreiben über die Heiligkeit (der etymologische Sinn von „hagio-graphie“) wurde in der Spätantike und im Mittelalter nicht als eine besondere Art von Literatur verstanden. Davon zeugt Gregor von Tours, demzufolge seine Zehn Bücher Geschichten (Decem libri historiarum) und seine Bücher, die dem Lob der Heiligen gewidmet sind (In gloria martyrum, confessorum, …), ein einziges Werk darstellen und damit in der Kontinuität der Kirchengeschichten der ersten christlichen Jahrhunderte stehen. Der Begriff und das Konzept der Hagiographie sind schließlich das Erbe eines apologetischen Gegenschlags der Gegenreformation: Vor dem Hintergrund der protestantischen Angriffe, die darauf abzielten die Missstände des Heiligenkultes aufzuzeigen – der Heiligenkult wurde als Aberglaube und Polytheismus verschrien – machten es sich die Bollandisten (benannt nach ihrem Anführer, dem Jesuiten Jean Bolland) zur Aufgabe, die Schriften, die die Heiligen betrafen, in den Acta Sanctorum zu veröffentlichen. Der Kommentar, der in diesen Bänden zu den Viten, den Mirakeln und den Berichten um die Reliquien der Heiligen (Translation, Elevation, etc.) hinführt, ist oft länger als die Texte selbst, denn er dient als Ersatz für den „Beweis“ der Heiligkeit dessen, der gefeiert wird: Das Unternehmen, das von Héribert Rosewyde erdacht worden war und eigentlich philologisch ausgerichtet war, wurde nun unter Jean Bolland zu einem apologetischen Unterfangen. Im Jahr 1643 veröffentlichte letzterer den ersten Band der Acta sanctorum und bis 1925 sollte die Zahl der In-folio-Bände insgesamt auf 66 Bände steigen. Die Heiligen wurden darin gemäß dem Heiligenkalender geordnet und aufgeführt. Das gesamte Werk zeigt auf hervorragende Weise die intellektuellen und ideologischen Entwicklungen der bollandistischen Edition und Kritik von vier Jahrhunderten. Die Acta sanctorum brechen aber mit dem 10. November ab, da sie den neuen kritischen Anforderungen der Zeit nicht mehr gerecht wurden. Sie wurden aber bis heute auf anderem Wege fortgeführt, nämlich in Form einer regelmäßig erscheinenden Zeitschrift, den Analecta Bollandiana und einer Quellensammlung, den Subsidia hagiographica, in denen im Gegensatz zum apologetischen Diskurs der Pioniere eine wissenschaftliche Textkritik vorgenommen wird.
    Die Haltung der Historiker gegenüber hagiographischen Texten wurde lange Zeit von ihren persönlichen religiösen Überzeugungen bestimmt. Nachdem sie unter der 3. Republik für viele ein rotes Tuch war (1927 bezeichnet sie Ferdinand Lot als unausstehlichen Schund und verglich sie mit Fortsetzungsromanen), besserte sich ihr Ruf nach und nach. Die Gründe hierfür standen dem Missverständnis allerdings sehr nahe, denn jeder suchte sich heraus, was ihn interessierte: die einen Auskünfte über Toponymik und Onomastik, die anderen historische Fakten, wieder andere Hinweise über den Heiligenkult. Dies hatte zur Folge, dass die Texte regelrecht „ausgeweidet“ und zerstückelt wurden. In der sogenannten Mentalitätsgeschichte, in der die Kirchengeschichte direkt in die historische Anthropologie und die Sozialgeschichte übergeht, erfuhr die Hagiographie erstmals eine Wohltat. Das Interesse, das ihr etwas später die Literaturwissenschaftler entgegenbrachten, verband sich mit dem der Historiker, indem sie es von den konfessionellen Vorurteilen befreiten und wieder in die große Geschichte einreihten: So gibt es eine doppelte Filiation zwischen der Heiligen-Vita einerseits und der antiken und vor allem spätantiken Biographie (zum Beispiel die Lebensbeschreibungen der neuplatonischen Philosophen) andererseits und der Tradition der öffentlichen oder privaten Lobrede (Totenreden, Lobreden auf gute Verwaltung). Die meisten Stereotypen des hagiographischen Diskurses finden sich bereits in den profanen antiken Texten, seien sie narrativ (Biographien) oder epideiktisch (Lobreden): 1) Der Heilige ist ein Wesen, dessen Heiligkeit bereits vorbestimmt war und dessen Geburt oft im Zusammenhang mit Wundern steht, 2.) der Heilige ist ein puer senex, ein vorzeitig Weiser, der das Spielen der Kinder nicht beachtet, denn die Zeit der Heiligkeit ist Teil des göttlichen Planes und entzieht sich der Linearität der menschlichen Zeit, 3.) er obsiegt den Verführungen, 4.) die Liste der Tugenden (virtutes) ist je nach Wunsch variabel, 5.) diese Tugenden werden in die Tat umgesetzt und zwar durch konkrete Handlungen, wie beispielsweise das Almosengeben und durch Wundertätigkeit, die ebenfalls als virtutes oder als signa, miracula, mirabilia bezeichnet wird, 6.) der Heilige wird oft als ein Wesen außerhalb der Gesellschaft bezeichnet. „Tot für die Welt“ erträgt der Heilige Demütigungen und schlechte Behandlung durch andere und erniedrigt sich freiwillig selbst; er ist hin und hergerissen zwischen dem Wunsch, sich von der Welt zurückzuziehen, und den Verlockungen dieser Welt, 7.) er oder sein Umfeld haben die Fähigkeit, seinen Tod vorauszusehen. Es handelt sich hierbei weniger um Fakten oder reale Handlungen, als vielmehr um symbolische Züge mit exemplarischem Charakter. In den Worten Michel de Certeaus ist in der Hagiographie „alles von Anfang an vorgegeben […]; die Geschichte ist also die schrittweise Eröffnung des Vorgegebenen […]; der Heilige ist derjenige, der nichts von dem verliert, was er erhalten hat.“ Vom Standpunkt der Anthropologie geht die Heiligkeit also aus dem Bereich des Charismas hervor. Dennoch sollte die hagiographische Erzählung nicht allein auf den Ausdruck der Heiligkeit eingeschränkt werden: Damit es eine Erzählung geben kann, muss es Handlungen (acta oder actus, gesta) gegeben haben, seien sie erwartet, abgesprochen oder stereotyp: Der locus communis trägt also zu recht seinen Namen, denn er ist alles andere als ein einfaches Klischee. Er wird zu einem allgemeinen Platz, an dem sich die gesamte kulturelle Gemeinschaft um die Werte, die sie teilt, wiederfindet. Wenn der Hagiograph nichts über das Leben eines Heiligen weiß, erfindet er eine Lebensbeschreibung, indem er aus dem gemeinsamen Fundus der „guten Handlungen“ und Wunder jeglicher Art schöpft. Er „erfindet“, das heißt, dass er „ein-tritt“ (invenit) und etwas wiederfindet, was bereits zuvor existierte. Er hütet sich dabei aber vor allem davor, Neuerungen einzuführen und jedwede Art von Spannung zu schaffen. Dies stellt die Hagiographie deutlich an die Seite der Literatur, auch wenn sie zur Geschichte, zur Soziologie, zur Anthropologie und zur Liturgie gehört. Der hagiographische Diskurs, der in der Wiederholung und der Erinnerung begründet liegt, liefert also nur selten ein unmittelbares Bild der Gesellschaft, die ihn erzeugte. Er wird aus einem sehr engen intertextuellen Netz entnommen, was keinesfalls eine Entwertung der Hagiographie als historische Quelle impliziert. Aber, wie mit allen Quellen, muss auch mit ihr vorsichtig umgegangen werden.

    Monique GOULLET, 1. Oktober 2012
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  • Bibliographie

    Über den Gebrauch der Hagiographie

    - VAUCHEZ André, La sainteté en Occident aux derniers siècles du Moyen Âge, d’après les procès de canonisation et les documents hagiographiques, École française de Rome, 1981.
    - DUBOIS Jacques und LEMAÎTRE Jean-Loup, Sources et méthodes de l’hagiographie médiévale, Paris, 1993.
    - «La fabrication des saints», Terrain, 21 (1996).
    - PHILIPPART Guy, «L’hagiographie comme littérature : concept récent et nouveaux programmes?», in Revue des sciences humaines, 251 (1998), S. 11-39.
    - Hagiographica, VI (1999), S. 1-168 : «Panorama de trente années d’études hagiographiques», von J. Martinez Gasquez für Spanien, F. Dolbeau für Frankreich, M. Lapidge für die britischen Inseln, F. Prinz für Deutschland, P. Golinelli für Italien, R. Godding für Belgien, et A. B. Mulder-Bakker für die Niederlande.
    - GOULLET Monique, Écriture et réécritures hagiographiques. Essai sur les réécritures des Vies de saints dans l’Occident latin médiéval, Turnhout, Brepols, 2005 (coll. Hagiologia).
    - De Rosweyde aux Acta Sanctorum. La recherche hagiographique des Bollandistes à travers quatre siècles, Robert Godding, Bernard Joassart, Xavier Lequeux, François De Vriendt, Bruxelles, Société des Bollandistes, 2009.

    Monique GOULLET, 1. Oktober 2012
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