Ménestrel

Médiévistes sur le net : sources, travaux et références en ligne

Navigation par mot-clé
Accueil > Editions Ménestrel > De l’usage de... > ... zurita

... zurita

  • Über den Gebrauch von Zurita in der Mittelalterlichen Geschichte

    Stéphane PÉQUIGNOT

    (Maître de conférences - Sciences historiques et philologiques - EPHE)


    So wie Paul-Emile in Frankreich, Von Aretin im Heiligen Römischen Reich oder Paolo Giovio in Italien gehört der Spanier Jerónimo Zurita ohne Zweifel zum kleinen Kreis der wichtigsten Historiker des 16. Jahrhunderts. Von 1548 bis zu seinem Tod 1580 bekleidet er das Amt des „offiziellen Chronisten“ des Königreichs von Aragon. Er schreibt in diesem Amt die Anales de la Corona de Aragón (711-1479) („Annalen der Krone Aragons“) und eine Historia de don Fernando el Católico. De las empresas, y ligas de Italia („Geschichte Ferdinands des Katholischen. Von den Unternehmen und Ligen Italiens“). Vom ersten Druck an (1562 für den ersten Teil der Anales, 1579 für den zweiten und die Historia) wird Zurita in den Rang einer Autorität, eines Klassikers gehoben. Laut seinem Zensor, dem Jesuiten Francisco López, wurde der Aragonese überall als der spanische Titus-Livius angesehen: „[er] hat uns die Geschichte unseres Ruhms gegeben“ und sein Vorbild soll „andere Zuritas [inspirieren] dank derer unsere Geschichten verlängert werden könnten“. Im gleichen ehrfürchtigen Tonfall fahren einige aragonesische Gelehrte mit den Anales im 17. Jahrhundert fort; in einem Buch werden die Lobreden gesammelt und die Biographie des Humanisten nachgezeichnet, indem seine Methode dank eines Dossiers voller Beweisstücke auseinandergenommen wird (Uztarroz). Nach einem Verschwinden während der Aufklärung wird Zurita ab dem 19. Jahrhundert dauerhaft alle Gunst zuteil. Giménez Soler, Galindo Romeo und andere wichtige aragonesische Historiker treten sein Erbe an, es gibt einen nach ihm benannten Lehrstuhl in Saragossa und verschiedene Zeitschriften tragen seinen Namen wie ein Emblem beispielsweise die Revista de Historia Jerónimo Zurita.
    Es gibt also einen allgemein anerkannten Konsens, um aus Zurita den Gründer der „modernen“ aragonesischen Geschichtsschreibung zu machen. Der Bruch mit seinen Vorgängern ist zuerst eine Stilfrage. Er bedient sich einer Prosa, die sicherlich wenig lebhaft ist, aber dafür sehr klar und von äußerster Sparsamkeit bezüglich rhetorischer Effekthascherei. Seine Forschungsmethoden und das Ausmaß seiner Arbeit haben ihm den Respekt, ja sogar die Faszination der Gelehrten und Historiker, seiner Hauptleserschaft, eingebracht. Ohne auf die historiographischen Texte herabzusehen, zeigt Zurita eine für seine Epoche unvergleichliche Vorliebe für Archivdokumente. Im Vorwort der Anales weigert er sich sogar über die Ursprünge Aragons zu schreiben, denn in seinen Augen sei ohne Dokumente keine Geschichte möglich. Nun konnte der Historiker dank besonderer königlicher Genehmigungen eine große Anzahl an mittelalterlichen Schiften in Barcelona, in Aragonien, in Valencia und in Italien kopieren lassen oder selbst direkt zu Rate ziehen. So erscheint er wie ein Pionier bei der Erforschung archivalischer Bestände. Die Gegenüberstellung mit den identifizierten Originalquellen hat anschließend gezeigt, dass er ihren Inhalt genau und treu wiedergibt, wenn er sie nicht in extenso niederschreibt. Zurita beweist eine große Präzision in seinen Analysen und nimmt häufig eine effiziente vergleichende Kritik vor. Ausgestattet mit einer klaren chronologischen Struktur, hat diese bedachtsame Methode es ihm ermöglicht, ein bemerkenswertes Werk zu erschaffen – 5800 Seiten allein für die Anales in der neusten Ausgabe (Canellas).
    Zurita verstaubt aber nicht als historiographisches Nationaldenkmal im Schrank jener Figuren, die nur zu Andenkenzwecken hervorgeholt werden. Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Historiker des 16. Jahrhunderts wird er immer noch von den Spezialisten der iberischen Halbinsel konsultiert. Zurita hat in dieser Hinsicht einen ambivalenten Status in der Mediävistik inne. Einerseits behandelt man seine Werke als „Quellen“, die unumgänglich für die die Erforschung der Krone Aragons des 13. bis zum 15. Jahrhunderts sind. Da ein Teil der Dokumente, derer er sich bedient hat, nicht wiedergefunden werden konnten oder zerstört wurden, suchen die Historiker in seinen Arbeiten nach den fehlenden Stücken oder zumindest nach ihrem Echo. Problematischer ist jedoch, dass Historiker der enorme Umfang der Dokumente, die von Zurita verwendet wurden, die Klarheit seiner Darstellung, die leicht zu betreibende Recherchearbeit in den mit Index, thematischen Rubriken und neuerdings mit einer elektronischen Ausgabe ausgestatteten Werken, dann, vor allem die erforderliche Zeit, um in den sehr großen Archiven, aus denen er geschöpft hat, gründlich alles durchzusehen, oft dazu verleitet hat, ihn stillschweigend als Augenzeugen zu betrachten, der repräsentativ für die mittelalterliche Welt ist. Die Anale und die Historia bilden immer noch manchmal, jedoch seltener als früher, die Basis für Ausführungen, die der Krone Aragons gewidmet sind. Dadurch wird das Werk des „Gründers der modernen Geschichte“ paradoxerweise einem Prozess der schleichenden Vermittelalterlichung unterworfen. Die Mehrheit der Historiker ordnet ihn subtiler als einen Augenzeugen ein, der anschließend der genauen Prüfung unterzogen werden muss: Im Haupttext oder in den Fußnoten wird er regelmäßig mittelalterlichen Chroniken und Dokumenten gegenübergestellt, um besser die realia des Mittelalters herauszustellen. Selten widerlegt, wird Zurita also korrigiert und „vervollständigt“ und damit sein Ansehen generell vergrößert.
    Häufig ein bisschen zu schnell unter der Kategorie „Quelle“ abgeheftet, werden die Anales und die Historia auch, je nach einer der vielfältigen und manchmal widersprüchlichen Herangehensweise, als historiographisches Werk verstanden und gebraucht. Man verortet den Inquisitor Zurita nunmehr ein bisschen besser in Aragon und im Spanien des 16. Jahrhunderts. Mehrere Studien haben seinen monarchistischen, aragonesischen und teleologischen Blick auf die Geschichte hervorgehoben. In seinen Anales bringt er eine latente Feindseligkeit den Franzosen gegenüber zum Ausdruck, verherrlicht die Figur der Katholischen Könige oder zeigt eine lebhafte Aversion gegen die Katalanen, die die Herrschaft von Königs Johannes II. von Aragon während des „katalanischen Bürgerkriegs“ (1462-1472) gefochten haben. Seine „zugrundeliegende Objektivität“ wird relativiert. Trotz seiner unleugbaren Gelehrtenqualität hat Zurita nämlich durch seine Autorität die Historizität einiger Legenden glaubwürdig erscheinen lassen. Er nimmt zum Beispiel die Erzählungen über die Ohrfeige, die die heilige Thekla Peter dem Zeremoniöse gegeben haben soll, in seine Geschichtsschreibung auf, oder er schildert den nächtlichen Austausch der Mätresse des Königs Peter II. von Aragon durch seine Ehefrau Marie, eine Episode welche die Zeugung des zukünftigen Königs Jakob I. von Aragon erklären sollte (Juncosa, Delpech).
    Fast mittelalterlich, aber schon „modern“, erweist sich Zurita, mehr oder weniger mit Recht, als erster Kollege der Spezialisten der Krone von Aragons. Die Anale dienen immer noch als Gerüst für eine Chronologie der Ereignisse, sie stehen unabdingbar in den Bibliographien auf einem herausragenden Platz, als erstes in der chronologischen Ordnung, als letztes kraft Alphabets. Zurita wird als intellektuelle Inspiration benutzt, als Kompass für die Regentschaft Peters IV. des Zeremoniösen (1336-1385) und Johanns II. (1454-1479), die relativ unbekannt und vergraben in den umfangreichen Archiven sind. Seine Periodisierung der Geschichte Spaniens (seit der muslimischen Eroberung 711 bis hin zu den Katholischen Königen) und der Krone Aragons, die vom dynastischen Wechsel 1410-1412 gekennzeichnet war, hat einen Großteil der Geschichtsschreibung im Nachhinein geprägt und übt immer noch einen starken Einfluss aus. Als maßgebendes Werk enthalten die Anales Argumente und Zahlen, über die die Historiker immer noch debattieren.
    Folglich ist es legitim, einen Großteil der Geschichtsschreibung der Krone Aragons als eine sich über mehrere Jahrhunderte erstreckende Erläuterung von Zurita zu verstehen, einer Gesamtheit an unterschiedlich kritischen Diskussionen mit dem maßgebenden Historiker. Sich dem zu stellen kommt einem Initiationsritus gleich. Einige vollenden diesen passiv, indem sie sich Zuritas Diskurs anpassen, andere halten ihn auf gutem Abstand und bemühen sich sogar, seine Präsenz auf das rein Notwendige zu beschränken. Es fehlt dennoch eine systematische Analyse des Ganzen, die die lückenhafte Kritik vervollständigen und zusammenführen würde. Eine solche Arbeit würde eine gemeinsame Bemühung in verschiedene Richtungen bedeuten: Eine ausgedehnte Synthese über den Mensch und seine Geschichtsschreibung, einen Dialog zwischen Mediävisten und Spezialisten des 16. Jahrhunderts und eine kritische Edition der Werke. Auf diese Weise wird man besser wahrnehmen können, warum Zurita so unumgänglich geworden ist, inwieweit er es weiterhin bleibt und in Zukunft bleiben soll oder nicht.

    Stéphane PEQUIGNOT, 7. September 2016
    Haut de page
  • Bibliographie

    NOTE : English translation is in progress 

    français |

    De l’usage de Zurita

    - Jerónimo Zurita, Anales de la corona de Aragón, éd. Á. Canellas López, Saragosse, Institución Fernando el Católico, 1967-1988, 8 vol. Edición electrónica de J. Javier Iso (coord.), M. I. Yagüe et P. Rivero, 2003 [en ligne : http://ifc.dpz.es/publicaciones/ebooks/id/2448]
    - Jerónimo Zurita, Historia del rey don Fernando el Católico. De las empresas, y ligas de Italia, Institución Fernando el Católico, Edición electrónica de José Javier Iso (coord.), Pilar Rivero y Julián Pelegrín, 2005 [en ligne : http://ifc.dpz.es/publicaciones/ver/id/2423 ]
    - DELPECH, François, Histoire et légende. Essai sur la genèse d’un thème épique aragonais. La naissance merveilleuse de Jacques Ier le Conquérant, Paris, Publications de la Sorbonne, 1993.
    - HILLGARTH, Jocelyn N., The Problem of a Catalan Mediterranean Empire, 1229-1327, Londres, English Historical Review, 1975 (Supplement, 8).
    - Jerónimo Zurita, su época y su escuela, Saragosse, Universidad de Zaragoza, Institución Fernando el Católico, 1986.
    - KAGAN, Richard L., Clio and the Crown : the Politics of History in Medieval and Early Modern Spain, Baltimore (Md.), John Hopkins University press, 2009.
    - PEQUIGNOT, Stéphane, « ‘No hay nada’ ou ‘la Catalogne, source intarissable’ ? Réflexions sur une expérience de recherche entre abondance et absence d’archives », dans L’absence de texte. Journées d’études du Lamop, 25-26 mars 2011, Benoît Grévin et Aude Mairey éd., Cahiers électroniques d’histoire textuelle du Lamop (CEHTL), 4 (2011) ; disponible en ligne : http://lamop.univ-paris1.fr/IMG/pdf/Stephane_Pequignot.pdf
    - SOLDEVILA, Ferran, « Zurita com a Historiador », dans VII Congreso de historia de la corona de Aragón, vol. I, crónica y ponencias, Barcelone, Imprenta de la Viuda de F. Rodríguez, 1962, p. 11-52.

    Stéphane PEQUIGNOT, 27 août 2012
    Haut de page

  • Notes et adresses des liens référencés

rss | Retrouvez Ménestrel sur Twitter | Retrouvez Ménestrel sur Facebook | Plan du site | Derniers articles | Espace privé | Mentions légales | Qui sommes-nous? | ISSN : 2270-8928