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  • Über den Gebrauch der Gabe in der Mittelalterlichen Geschichte

    Eliana MAGNANI

    Chargée de recherche au CNRS au laboratoire Archéologie, Terre, Histoire et Sociétés (ARTeHIS UMR 6298)


    So wie es Marcel Mauss (1872-1950) in seinem berühmten Essai sur le don (dt. „Die Gabe“) formuliert hat, ist die Gabe ein Konzept, das heutzutage in allen Geistes- und Sozialwissenschaften vorkommt und das als eine „Disziplinarmatrix“ oder auch als „Paradigma“ der „Normalwissenschaft“ erachtet werden kann (Th. Kuhn, 1962/1970). Ihr Eintrag in die wissenschaftlichen Nachschlagwerke der französischen Mediävistik zu Beginn der 2000er Jahre (z.B. J.-P. Devroey, 2003), kennzeichnet schlussendlich die Eingliederung in den gebräuchlichen Wort- und Konzeptschatz der Mediävisten. In ihrer gängigen Schematisierung, der Gabe und Gegengabe (Gabenökonomie, gift-exchange), haben die Mediävisten, insbesondere in den 1980er Jahren, auf die Mauss‘sche Theorie zurückgegriffen um eine Vielzahl von Phänomenen zu erfassen: Die Totenbeigaben und Kirchenspenden, das Almosen, die Abgaben an die Lehnsherren, die Aussteuer der Frau und die Hochzeitsgeschenke, die königlichen Zuwendungen, das Vasallenritual, Bestechungen, etc.
    Eine so breite Anwendung auf so unterschiedliche Praktiken stellt den Wissenschaftler auf Anhieb vor das Problem der Definition von „Gabe“ aber auch der von „Tausch“, eines Konzepts, unter dem Mauss die Gabe einschließt und auf dem diese gründet. Unter dem Bestreben, dem der Mediävist verpflichtet ist, Klarheit in diese Konzepte zu bringen, befinden sich aktuelle Vorschläge, die über die Mauss’sche Theorie in Bezug auf die Kategorisierung der „Arten des Transfers“, je nach Kriterium, ob die Gegenleistung einklagbar oder nicht ist, hinausgehen. Die Gegenleistung (oder Reziprozität) einer Gabe ist nicht einklagbar, in einem Tausch jedoch ist die Gegenleistung einklagbar; demnach ist eine Gabe (auch wenn sie Anlass zu einer Gegenleistung gibt) kein Tausch (so wie ein Kauf/Verkauf) (A. Testart, 1993, 2007; F. Athané, 2010).
    Zusätzlich zu der „Entdeckung“ der drei „Verpflichtungen“ – geben, nehmen, erwidern – auf Basis des Gabe-/Gegengabe-Systems (Leistung/Gegenleitung, Gabentausch) und seinen Ausführungen zur „totalen Leistung vom agonistischen Typus“ (Potlatsch, ein Gabentausch, der Wettbewerb und Kampf beinhaltet und dadurch auch Hierarchien errichtet) hat Mauss in seinem Essai sur le don das Konzept des „totalen sozialen Phänomens“ (frz. fait social total) eingeführt, darunter fallen diejenigen Phänomene, die „in bestimmten Fällen die gesamte Gesellschaft und ihre Institutionen zum Schwingen bringen“ und die „gleichzeitig rechtlich, ökonomisch, religiös und sogar ästhetisch, morphologisch, etc.“ sind. Die Faszination, die der Essai ausübt, liegt gleichzeitig an diesem umfassenden Verständnis der Gabe.
    Der Essai dient immer noch als theoretische Referenz. Sowohl zu der Zeit, als Mauss ihn konzipierte, als auch heutzutage konzentriert er politische und ideologische Kernprobleme: So wurde die Theorie der Gabe als Antithese, ja sogar als Alternative, des kaufmännischen Tauschs konstruiert, welcher die zeitgenössische kapitalistische Gesellschaft kennzeichnet. Den Mediävisten stellt der Gebrauch dieser Kategorien vor eine doppelte Herausforderung: einerseits lassen sie sich in die Geschichtsschreibung mittels der Debatte über „den Übergang einer Gabenökonomie hin zu einer Marktökonomie“ übertragen, eines Übergangs, der an dem einem oder anderen Zeitpunkt im Mittelalter zu situieren wäre, was die Rückprojektion der heutigen Gesellschaft auf das Mittelter verstärken würde. Andererseits lässt sich das Interpretationsraster, welches Mauss von „archaischen Gesellschaften“ anhand der Gabe anbietet, auf das übertragen, was Sprachhistoriker und Forscher der deutschen Rechtsgeschichte im 19. Jahrhundert für die Gesellschaft des Früh- und Hochmittelalters entwickelt haben (B. Wagner-Hasel, 2003; E. Magnani, 2007).
    Auf die eine oder andere Weise klingen nämlich schon einige im Essai entwickelten Gedanken zur reziproken Gabe bei den damaligen Germanisten an. Die Idee der Gegengabe (Widergabe) und der agonistischen Gabe (Übertrumpfen) findet sich bereits ab 1848 bei Jacob Grimm. In seiner Nachfolge sieht Karl von Amira (1882) die Gabe als eine verpflichtende Transaktion, den „Gabentausch“, der sich nicht auf einen Güter- oder Rechtstransfer beschränkt, sondern auch „das Leben, den Frieden, die Freiheit, das Glück“ einbezieht, wobei dieGabe für das Seelenheil ein Muster für Gegengabe darstellt. Für Richard M. Meyer (1898) ist der „vormoderne“ Gabentausch „die elementarste Form des Kaufs“, bei der der Wert der Gaben nicht gleich ist aber Spielraum für Schätzung und Entlohnung zulässt: Er reagiere so auf das Naturgesetz des Teilens, das dazu verpflichte eigene Dinge abzugeben. Die Spezialisten des kanonischen Rechts haben auch von der reziproken Gabe als Konzept Gebrauch gemacht, um das juristische System darzustellen, das die Verteilung der verschiedenen Leistungen an Kirchen und Klöster (Zehnt, Oblation, Spenden für das Seelenheil...) zuständig war. So entwickelt 1915 Georg Schreiber eine seitdem häufig rezipierte Idee einer „spirituellen“ (oder „immateriellen“) Gegenleistung für die Übergabe von „materiellen“ Gütern.
    Abgesehen von einigen deutschsprachigen Mediävisten haben die anderen Geschichtsschreibungen – vom Vorreiteraufsatz Philip Griersons (1959) bis zu den neusten Studien, so wie die berühmten Schriften von Georges Duby über die „notwendigen Großzügigkeiten“ (1969/1973) und die fruchtbare angloamerikanische Sozialgeschichte der 1980er Jahre (P. Geary, S. White, B. Rosenwein) – die historiographische, germanistische und juristische Matrize des Reziprozitätsprinzips von Gabe/Gegengabe aus dem Essai sur le don vergessen (das gleiche könnte auch anhand von Autoren der Sozialwissenschaften gezeigt werden).
    Daraus folgt, dass die reziproke Gabe – wie sie von der Mauss’schen Sozio-Ethnologie zur Anthropologie von Lévi-Strauss (als „restringierter“ und „generalisierter Tausch“) gekommen und dann in der Mediävistik wieder aufgetaucht ist – eine in großem Maß mittels der Auslegung mittelalterlicher Dokumente konstruierte Kategorie ist. Und wenn die zahlreichen Praktiken der mittelalterlichen Gesellschaft anhand dieses Konzepts interpretiert werden können, so erklärt sich dies dadurch, dass diese Gesellschaft in steter Beziehung und in Bezug zum Göttlichen stand, und sich mit diesen Termini identifiziert hat, die durch sie (und aus ganz anderen Gründen ebenfalls durch die Unsrige) höchst aufgewertet wurden. Das zeigen unter anderem auch die idealtypischen Darstellungen (M. Godelier, 1984, 1996) der sozialen Verbindungen und Zusammenhänge, die auf der Gabe basieren (oberhalb der einfachen Reziprozität). Dies haben die Historiker auf die Vorstellung der generalisierten Zirkulation der Caritas zwischen Gott und den Menschen und den Menschen unter sich (A. Guerreau-Jalabert, 2000) oder auf das „Gabensystem“, das auf dem eucharistischen Modell der Wandlung von Gütern und Personen basierte (D. Iogna-Prat, 1998), übertragen.
    Diese Überdeterminierung der Gabe im Mittelalter sollte weder ihre Koexistenz noch ihr Zusammenspiel mit anderen Formen des Transfers verdecken. In einer nicht-kaufmännischen Gesellschaft ist die Gabe weder die einzige Form der Güterzirkulation, noch der Etablierung von sozialen Beziehungen. Sie ist jedoch oft ein Mittel zur Verschleierung der sozialen Domination, die eher auf einklagbaren Einnahmen ohne Gegenleistung beruht.

    Eliana MAGNANI, 21. Februar 2017
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  • Bibliographie

    Über den Gebrauch der Gabe

    - MAUSS Marcel, «Essai sur le don. Forme et raison de l’échange dans les sociétés archaïques», Année sociologique, n.s., I (1923-1924) erschienen in 1925, p. 30-186, erneut veröffentlicht in M. MAUSS, Sociologie et anthropologie, Paris, 1950, p. 145-279 (Die meisten Werke sind online verfügbar Mauss: http://classiques.uqac.ca/classiques/mauss_marcel/mauss_marcel.html).
    - JOBERT Philippe, La notion de donation. Convergences 630-750, Paris, 1977.
    - GODELIER Maurice, L’idéel et le matériel : pensée, économies, sociétés, Paris, Fayard, 1984 ; ID., L’énigme du don, Paris, Fayard, 1997.
    - GUERREAU-JALABERT Anita, «Caritas y don en la sociedad medieval occidental», Hispania. Revista Española de Historia, 60/1, n° 204 (2000), p. 27-62.
    - Negotiating the Gift. Pre Modern Figurations of Exchange, hrsg. Gadi Algazi, Valentin Groebner, Bernhard Jussen, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2003 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 188).
    - TESTART Alain, Critique du don. Études sur la circulation non marchande, Paris, Syllepse, 2007 (Matériologiques).
    - Don et sciences sociales. Théories et pratiques croisées, hrsg. Eliana Magnani, Dijon, EUD, 2007 (coll. Sociétés) (Vorwort und Kapitel von E. Magnani, « Les médiévistes et le don... », online verfügbar: http://www.journaldumauss.net/IMG/pdf/avant_propos-Magnani.pdf; http://www.journaldumauss.net/spip.php?article229).

    Eliana MAGNANI, 21. Februar 2017
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