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... ethnie (Islam)

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  • Über den Gebrauch des Konzepts der Ethnie in Mittelalterlicher Islamgeschichte

    Boris JAMES

    Chercheur associé à l’Institut français du Proche-Orient


    Mehr als jedes andere Forschungsobjekt regen die islamischen Gesellschaften des Mittelalters den Historiker dazu an, über die Phänomene ethnischer Differenzierung nachzudenken. Das Hervortreten der arabischen Völker in den Vordergrund der politischen Bühne des 7. Jahrhunderts kann dabei als Referenzpunkt jeden Unterschieds gesehen werden, der bis hin zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen zutage tritt. Die Ausbreitung des muslimischen Reichs vom Indus bis zum Atlantik und die Eingliederung diverser Völker habent einen ständigen Wandel dieser Vielfältigkeit und fortlaufende Veränderung ihrer Wahrnehmung zur Folge. Während in den ersten Jahrhunderten das Entstehen eines ethnischen Unterschiedes mit religiösen Unterschieden zusammenfällt (arabischer Islam, griechisches Christentum, iranischer Mazdaismus [Zoroastrismus]...), so finden die nachfolgenden ethnischen Differenzierungen innerhalb des stabilen Rahmens einer islamischen Zivilisation statt. Die Etablierung islamisch-iranischer Mächte und der turkmenische Ansturm auf den Mittleren Osten im 11. Jahrhundert rücken die ethnische Frage ins Zentrum des historiographischen Interesses. Die Phänomena der Kreuzritter, Mameluken und Mongolen lassen auch viel Raum für eine die Ethnie betreffende Analyse. Das gemeinsame Merkmal der aufeinanderfolgenden politischen Systeme (Kalifate, Sultanate der Seldschuken, Ayyubiden, Mameluken usw.) war ihre Fremdheit, sei es in al-Andalus, im Maghreb oder im Orient. Aufgrund der normativen Definition von sozialen Kategorien (in der Literatur oder im Rechtswesen) und der Verwaltungspolitik der Bevölkerungsgruppen (militärische Rekrutierung, Siedlungspolitik...), waren diese Staaten in der Lage, die Prozesse der ethnischen Differenzierung zu beeinflussen (kulturelle und politische Einheit, Bildung von „Kriegerrassen“...).
    Die mediävistische Geschichtsschreibung hat sich schon sehr früh die Theorie von Ibn Khaldoun (gest. 1405) zu Eigen gemacht. Der im ägyptischen Exil lebende maghrebinische Autor hat eine Staatstheorie entwickelt, die auf zwei Prinzipien aufbaut: a) die Dichotomie zwischen der sesshaften Welt (hadâra) und der Welt des Beduinentums (badawa); b) die zyklische Geschichte der Dynastien. Jene aus der Welt der Beduinen (arabisch, türkisch, kurdisch, berberisch...) stammende und von einer Solidargruppe (‘asabiyya) unterstützte Dynastien tauchen in der sesshaften Welt auf, leben dort, verschwinden und werden durch andere ersetzt. Für Ibn Khaldoun kommen die wahrhaften Völker (umam) aus der Welt des Beduinentums und sind aufgrund ihrer Neigung zur Gewaltausübung äußerst politische Völker (http://www.ehess.fr/fr/enseignement/enseignements/2012/ue/691/). Andere Denkrichtungen haben die mediävistische Forschung über die Völker des Orients geprägt und lassen sich im Bereich der Sozialanthropologie verorten. Die Entstehung der Orientforschung hat den Dialog zwischen Anthropologie und Geschichte gefördert. Dennoch wurd das Konzept der Ethnie wenig von den Mediävisten, die sich mit dem Orient beschäftigen, verwendet. Es ging nicht darum, den Essentialismus, der diesem Begriff seinen Ausschluss aus den Sozialwissenschaften gebracht hat, zu verwerfen; vielmehr wurden im Zuge der Betrachtungsweise des Islam als große Schriftkultur die Begriffe „Volk“ (R. Grousset, C. Cahen) und „Nation“ (X. de Planiol) demjenigen der „Ethnie“ von den Orientalisten vorgezogen, was sich als nicht ganz unproblematisch darstellt. Unter anderem wurde die Shu’ûbiyya, eine literarische Strömung im 9. Jahrhundert, in der sich die Verfechter einer Vormachtstellung der arabischen Kultur und die Anhänger einer Hervorhebung der glorreichen iranischen Vergangenheit gegenüberstehen, auf anachronistische Weise von einem nationalistischen Standpunkt aus betrachtet (I. Goldziher). Bis in die 1980er Jahre hinein litten die mediävistischen Islamstudien unter einem substantivistischen und kulturalistischen Blick. Es wurde davon ausgegangen, dass die in den mittelalterlichen arabischen oder persischen Texten vorzufindenden Völkernamen einheitliche und unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Organisation und kultureller Merkmale absolut kohärente Menschengruppen bezeichneten.
    Die Schwierigkeit, mit der sich die Geschichtsschreibung zum mittelalterlichen Islam bei der Erforschung ethnischer Phänomene einhergeht, ist der Eindruck einer Statik ethnischer Grenzen, den die Texte vermitteln. Dies verhindert, Formen des Synkretismus (Mischehen) in Betracht zu ziehen und die Komplexität der mikrosozialen Phänomene wahrzunehmen. Die Art dieses Textmaterials ist teilweise verantwortlich für den Essentialismus und Nominalismus einiger Historiker. Rein ethnische Phänomene (die Verknüpfung von sozialen Prozessen und Identität mit einem vereinheitlichenden Namen, ab da dann auch von Historikern als Ethnonym gedeutet) wurden als selbstverständlich aufgefasst, haben keine weitergehenden Untersuchungen hervorgerufen, und die Forscher haben ihre Aufmerksamkeit auf die konfessionellen Unterschiede und die Unterteilung nomadisch/sesshaft gerichtet.
    Erst in den 1990er Jahren haben das Adjektiv „ethnisch“ und das Konzept der „Ethnizität“ in den mediävistischen Studien über den Orient Raum gefunden, wobei sie letztlich von den Studien des Anthropologen Fredrik Barth angeregt waren. Dieser nimmt anhand von mehreren Feststellungen eine konzeptuelle Revolution vor: Individuen können ihre ethnische Zugehörigkeit ändern; sie bedienen sich kultureller Merkmale, um symbolische Grenzen zwischen ihrer Gruppe und den anderen zu ziehen; und ethnische Identitäten sind von der sozialen Situation abhängig, aus der sie hervorgegangen sind. Dieser Ansatz setzt die klare Trennung zwischen gesellschaftlich, politisch und ethnisch außer Kraft, eine Trennung, die in mediävistischen Studien noch sehr stark ist. Allerdings bringt die Fokussierung auf soziale Interaktionen und auf ethnische Prozesse einen Mangel an historischer Tiefe mit sich, die Nicht-Berücksichtigung der institutionellen Abhängigkeiten und der interindividuellen und intergruppalen Aushandlungen. Die Arbeit der Historiker bleibt somit hilfreich, denn sie erlaubt es, Phänomene der Vereinheitlichung oder Fragmentierung über einen langen Zeitraum hinweg zu beschreiben, so z. B. die Forschungen Jan Retsös über die Arabern in den ersten Jahrzehnten des Islams oder Cyrille Aillets über die spanischen Mozaraber.
    Marco Martiniello ruft die Notwendigkeit, Ethnizität auf drei Stufen zu untersuchen, in Erinnerung: Die mikrosoziale individuelle Ebene, die die subjektive Dimension der Gruppenzugehörigkeit beinhaltet; sie zu erfassen fällt den Historikern am schwersten. Die mesosoziale Ebene, Ebene der sozialen Mobilisierung, Ebene der Strukturierung von Gruppen auf Basis einer gemeinsamen Identität zum Zweck einer Kollektivhandlung. Diese Ebene ist die des Auftretens der Ethnizität auf der politischen Bühne und die der Beziehungen zwischen Gruppen (Wettkampf, Konkurrenz, Kooperation). Mit der makrosozialen Ebene kommen die „strukturellen, eigentlich gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Zwänge, welche die ethnischen Identitäten prägen und welche den Individuen eine sozial determinierte Position im Hinblick auf ihre einer ethnischen Kategorie zugeschriebene Zugehörigkeit zuweisen“ in den Blick. Diese Ebenen stehen in kontinuierlicher Wechselwirkung zueinander, was ein „immer wieder neuartiges sozio-kulturelles Modell“ produziert (L. de Heusch).
    Die Mediävistik des Orients kann die Frage nach der Sprache ihrer Quellen und somit auch nach dem Vokabular der Kollektiveinheiten stellen (V. Van Renterghem). Ein Blick auf die Sprache der Texte offenbart die starke Unbestimmtheit im Gebrauch der Ethnonyme (‘Arab, Turk, Barbar, Kurd…); die ganze Schwierigkeit ist, eine genaue Analyse durchzuführen, die den soziologischen und sprachlichen Tatbestand berücksichtigt, ohne diese Phänomene auf einfache Konventionen zu reduzieren. Man muss also Prozesse und nicht Ethnien beschreiben und dabei ihre politische und gesellschaftliche Wirkungskraft in Betracht ziehen. So betrachtet ist das Erscheinen des (türkischen oder tscherkessischen) Mamelukentums – diese eigenartige Rekonstruktion ethnischer Solidaritäten innerhalb der Armeen des ägyptischen Sultanats (13. bis 15. Jhdt.) – nach wie vor von Interesse (M. Chapoutot, J. Loiseau).

    Boris JAMES, 21. Februar 2017
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  • Bibliographie

    Über den Gebrauch des Konzepts der Ethnie

    - «Groupes sociaux et catégorisation sociale dans le dār al-Islām médiéval (VIIe-XVe siècles)», hrsg. Van Renterghem, Vanessa, Annales islamologiques, n° 42, IFAO,Kairo, 2008.
    - MARTINEZ-GROS, G., Ibn Khaldoun et les sept vies de l’Islam, Arles, Actes Sud-Sindbad, 2006.
    - MARTINIELLO, Marco, L’ethnicité dans les sciences sociales contemporaines, Paris, PUF, 1995 (Que sais-je ?).
    - Valeur et distance, identités et sociétés en Égypte, Décobert, Christian (dir.), Paris, Maisonneuve & Larose, MMSH, 2000.

    Boris JAMES, 21. Februar 2017
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