Ménestrel

Médiévistes sur le net : sources, travaux et références en ligne

Navigation par mot-clé
Accueil > Editions Ménestrel > De l’usage de... > ... anthroponymie

... anthroponymie

  • Über den Gebrauch der Anthroponymie in Mittelalterlicher Geschichte

    Monique BOURIN

    Professeur émérite - Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne


    Unter Anthroponymie vertseht man all jene Prinzipien, die die Bezeichnung von Personen regeln (in unserer Gesellschaft: Vorname und Name). Schon im 18. Jahrhundert hat der Historiker Ludovico Antonio Muratori in seinen Antiquitates Italicæ Medii Ævii die Anthroponymie als historisches Forschungsgebiet definiert, das er als „moralisch“ (das heißt als Gebräuche, für uns „kulturell“) bezeichnet. Außerdem hat er verstanden, wie sehr die Benennung der Personen ihre Zugehörigkeit zu sozialen Strukturen deutlich macht, seien sie religiös, politisch, geographisch, beruflich bedingt oder affektiv. Kaum einer hat seine Gedankengänge aufgegriffen. Erst viel später, in den 1930er Jahren, äußerte Marc Bloch den Wunsch, eine systematische Studie über die „Familiennamen“ durchzuführen. Auch ihm wurde nur in zwei speziellen Punkten nachgefolgt. Einer von ihnen war die Untersuchung der (Vor-)Namen, die hauptsächlich als Zeichen einer spirituellen Entscheidung gesehen wurden: Die „Christianisierung“ der Namen vollzieht sich tatsächlich in großem Ausmaß ab dem Jahr tausend, zu Gunsten von Namen „universeller“ Heiliger wie Peter, Stefan oder Johannes. Das lässt sich weniger durch eine Anordnung der Kirche erklären, als vielmehr durch eine Ausrichtung der Familienentscheidung. In einer späteren Phase, am Ende des Mittelalters, setzte sich Johannes durch sowie letztlich Lokalheilige, mit einer überraschenden Zeitverschiebung zwischen der Entwicklung der regionalen Pilgerstätten und der Namenwahl.
    Das andere systematisch erforschte Feld war das der Ortsnamen (Toponyme), die als „Familiennamen“ verwendet wurden: Urbanitätsstudien gründeten so auf den Herkunftsnamen das Schema des Einzugsbereiches, das die demographische Entwicklung befeuert hat. Die Ergebnisse waren plausibel genug, sodass die Methode nicht in Frage gestellt wurde.
    Dennoch waren diese beiden Ansätze nicht ohne methodologische Schwierigkeiten, da sie sich nur auf einen kleinen Teil des Prinzips bezogen, der das Anthroponym ausmacht. Deutet das Tragen des Namens einer Nachbarstadt auf eine kürzliche Migration hin? Kann sich nicht auch hinter jedem anderen Namen, so beispielsweise dem eines Berufs, auch eine etwaige Migration verbergen? Identität ist ein viel zu komplexes Phänomen, als dass man für sie eine nahezu automatische Übersetzung in reale Fakten finden könnte. Und selbst wenn die Christianisierung der Namen sich vielleicht auf neue Arten des Geisteslebens übertragen lässt, war es nicht gefährlich, das nicht auf eine Strategie zu beziehen? Eine Analyse der Wandlungen von (Vor-)Namen über einen langen Zeitraum hinweg und in der gesamten Christenheit, wie sie von Michael Mitterauer 1993 durchgeführt wurde, ist so ein grundlegender Schritt für das Verständnis der Anthroponymie.
    Eine zusätzliche Schwierigkeit, um die Funktionsweise der Benennung von Personen zu verstehen, ist für den Mediävisten nicht so sehr die schlechte Quellenlage, als auch die nahezu komplette Abwesenheit von Informationen, die sich dem strengen Schriftrahmen entziehen. Eine dem Mediävisten sicherlich bekannte Situation, aber die Anthropologen haben in diesem Fall schön gezeigt, wie sehr sich die mündliche Praxis der Benennung vom Schriftsystem unterscheidet: in jedem Fall hat in den Dörfern der Beiname, der von alltäglichem Gebrauch war, nicht viel mit dem Stand der Personen zu tun. Weder in der Literatur, noch in Zeugenbefragungen, obwohl die sehr erzählend gestaltet waren, wird über eine mündliche Praxis der Anthroponymie im Mittelalter informiert. Das ist ein Schriftsystem, das der Historiker sich aneignet und das von den Schreibern auf einer mündlichen Praxis aufgebaut wurde: zuerst von den Geistlichen, dann den Notaren und schließlich von den Verwaltern, die die Feudal- und Steuerlisten aufgestellt haben.
    Das Edikt von Villers-Cotterêts 1539 wird somit zu Unrecht als Begründer der Familiennamen bezeichnet: Es fordert nur die Generalisierung einer viel älteren Praxis, nämlich die Führung eines Taufregisters durch die Pfarreikirche. Schon früher wurden die Personen durch zwei miteinander verbundene Namen benannt, dem eigenen Namen, den Gott bei der Taufe gehört hat und dem Beinamen, der sich durch den Gebrauch zu einem erblichen Namen entwickelt hat. Jedoch herrschte hier lange Zeit eine konventionelle Praxis und keine Gesetzgebung, sei sie auch kanonisch. Den ererbten Namen seiner Vorfahren (meistens von väterlicher Seite) zu tragen, war ein Recht, das mit dem Erbe in Verbindung stand, und keine Verpflichtung – zudem konnte er durch Erbschaft sowie durch Heirat (bei Frauen und, wenn auch seltener, bei Männern) verändert werden. Die Benennung im Mittelalter ist sachbezogen, also weder theoretisch noch gesetzlich vorgeschrieben. Erst Ende des 17. Jahrhunderts hat die königliche Kanzlei von Name/Beiname auf Vorname/Nachname umgestellt, als Versuch, die Veränderungen der Beinamen zu kontrollieren.
    Das Früh- und Hochmittelalter machte vom Eigennamen nach einer gemischten Methode Gebrauch, indem ein Rest des römischen Korpus‘ an eine sogenannte „germanische“ Anthroponymie gereiht wurde, ohne dass es möglich ist, einen direkten Zusammenhang zwischen der Form des Namens und einer ethnischen Zugehörigkeit festzustellen. Das germanische System wurde in zahlreichen Studien, vor allem in Deutschland, untersucht. Jeder Name wurde aus zwei Teilen (Lexemen) gebildet, die sich trennen und wieder zusammensetzen konnten (z.B. Wulfhardus, Hardwulfus, Adalhardus, Hardwiga, etc.). Aber diese thematische Variation, die lange Zeit und sogar in der Romania Namen zerteilt hat, um sie wieder zusammenzusetzen, machte nach und nach Raum für die Weitergabe des vollständigen Namens (Nachbenennung), die sich wahrscheinlich zuerst bei den Eliten ab Anfang des 10. Jahrhunderts durchgesetzt hat.
    Um das Jahr 1000 beginnt, von Region zu Region unterschiedlich früh, die Erstellung des Namens aus zwei Bestandteilen (Name und Beiname), ein System, das flexibler und aussagekräftiger war als der Eigenname. Eine genauere Bezeichnung ermöglicht eine größere Kontrolle und bestätigt die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe: Herrschaftliches Gebiet und Dorf befinden sich im Zentrum dieses Prozesses, was im gleichen Maße (ohne ihn zu ersetzen) den elterlichen Determinismus relativiert.
    Die Nachbenennung, der zufolge ein Kind nach einer Persönlichkeit benannt wird, vervielfältigt die Referenzmöglichkeiten: Der Vorfahr, aber auch der Fürst (einem früher vorgeschriebenen Prinzip folgend) oder ein bisschen später der Heilige. Anhand der Namen, insbesondere der der Jüngeren, lassen sich politische Bereiche ausmachen: Die der Hinz und Kunz im Heiligen Römischen Reich, die der Hugues und der Roberts im Bereich der Kapetinger, die der Guillaumes in der Normandie oder der Aquitaine. Das Phänomen zeigt sich zuerst beim Adel, aber verbreitet sich schnell in der ganzen Bevölkerung, was als Zeichen der tiefgehenden Feudalisierung der Gesellschaft gesehen werden kann. Im Tragen eines Heiligennamens zeigt sich außerdem noch eine weitere Art der Treue dem Beschützer gegenüber.
    Hier und dort variieren Loyalität und Schutz, aber sie münden überall in eine stets stärker werdende Konzentration einiger weniger Namen. Die Hierarchie der häufigsten Namen wandelt sich im Laufe der Generationen, ohne eine radikale Änderung zu erfahren. Die Konzentration wurde hervorgehoben, um das Aufkommen des zweiten Elements der Benennung zu erklären. Die verlockende Hypothese ist unzureichend. Die Schreiber des 10. Jahrhunderts lassen sich nicht durch Homonymie stören. Außerdem wird auf der iberischen Halbinsel und in anderen Regionen der Beiname systematisch verwendet, bevor eine Namenskonzentration stattgefunden hat. Der Prozess kommt in Gang und hält sich selbst am Laufen: Die Konzentration erfordert den Beinamen und der Beiname ermöglicht die Konzentration.
    Aber welche Beinamen? Zuerst ist die Abstammung dominierendes Prinzip und die Kinder trugen den „Vornamen“ des Vaters kombiniert mit einem Suffix oder einer genitivform, seltener mit einem Präfix, insbesondere in den Mittelmeer- oder ozeanischen Regionen. Auf der iberischen Halbinsel, wo sie lange fortbesteht, teilt sie die Bevölkerung in Geschwisterpaare auf, bei denen Brüder und Schwestern den gleichen Beinamen, nämlich den ihres Vaters tragen (z.B. Martinez „[die Kinder] von Martin“). Der Verweis auf den Ort mit all seinen Varianten (du Puiset, Delille, Dupont, Lenormand, etc.) setzt sich im Norden durch. Der Beruf (z.B. Lefebvre) ist in den Städten und Ortschaften häufiger. Der Spitzname (Lebrun, Legras, etc.) ist selten, aber er bietet ein erstaunliches Bild der sozialen Werte: skatologische oder groteske Beinamen schmücken so einen Teil der kommunalen Elite in Italien.
    In der ersten Zeit der doppelten Benennung haben sich noch keine einfachen Zeichen sozialer Distinktion im Anthroponym gezeigt, jedenfalls nicht mehr als in den Wappen: Die Leibeigenen haben die gleichen Namen wie die freien Bauern und man muss den Titel dominus oder miles hinzufügen, um den Herrn vom Ritter zu unterscheiden. So ist es also der Kontext, nicht der Name, der den Herrschaftsnamen von dem gemeinsamen Gebietsnamen unterscheidet. Es sei denn, es sind die Historiker, die den Kode noch nicht entschlüsseln können.
    Die letzte Phase, die der Vererbbarkeit des Beinamens, ist Gegenstand widersprüchlicher Debatten, die gut gerechtfertigt sind, da die Chronologie zwischen dem Italien von Robert S. Lopez, bei dem diese Phase eine bewegte und kontrastreiche ist, und dem Roussillon von Richard W. Emery, oder zwischen den Städten, in denen die Anthroponymie so flüchtig erscheint, und den ländlichen Gebieten sehr stark variiert. Die Frage bleibt offen, obwohl die großen Forschungslinien schon vorgezeichnet sind, sodass eine Arbeit in großem Maßstab hier ansetzen könnte, welche diese auseinandergehenden Eindrücke erklären würde. Zudem besteht die Notwendigkeit einer Untersuchung der elterlichen/parentalen Strategien in Bezug auf Namen und Beinamen, die sich nicht nur auf den Adel beziehen. Die vorherigen Historikergenerationen haben ein exaktes Auszählen in einem Ausmaß durchgeführt, das nur Bewunderung hervorrufen kann. Die Computertechnik macht sie heutzutage noch zugänglicher, während die Statistik eine vielschichtigere Verwertung der Studien ermöglicht.

    Monique BOURIN, 12. September 2016
    Haut de page
  • Bibliographie

    Über den Gebrauch der Anthroponymie

    - LEFEBVRE-TEILLARD Anne, Le nom. Droit et histoire, Paris, PUF, 1990.
    - Genèse médiévale de l’anthroponymie moderne, t. 1-6, M. Bourin et alii dir., Tours, Publications de l’Université, 1990-2008.
    - MITTERAUER Michael, Ahnen und Heilige, Namengebung in der europäischen Geschichte, Munich, Beck, 1993.
    - L’anthroponymie, document d’histoire sociale des mondes méditerranéens médiévaux, M. Bourin, J.M. Martin, F. Menant dir., Rome-Paris, École Française de Rome, 1996.
    - CHAREILLE Pascal, Le nom, histoire et statistique, Tours, Publications de l’Université, 2008.
    - Anthroponymie et migrations dans la chrétienté médiévale, M. Bourin, P. Martinez Sopena dir., Madrid, Casa de Velázquez, 2010.

    Monique BOURIN, 19. Januar 2017 | 12. September 2016
    Haut de page

  • Notes et adresses des liens référencés

rss | Retrouvez Ménestrel sur Twitter | Retrouvez Ménestrel sur Facebook | Plan du site | Derniers articles | Espace privé | Mentions légales | Qui sommes-nous? | ISSN : 2270-8928