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  • Über den Gebrauch der „Katharer“ in der Mittelalterforschung

    Uwe BRUNN

    Maître de conférences à l’Université Paul-Valéry, Montpellier III


    „Katharer“ (gr. die Reinen) ist eine Bezeichnung, die je nach Epoche verschiedene soziale Realitäten beschreibt. Die ersten mittelalterlichen Texte, die sie verwenden, scheinen sich gegen jene religiöse Abweichung zu richten, die hauptsächlich aus eifrigen Anhängern der apostolischen Imitatio – einer wörtlichen Auslegung der neutestamentlichen Schriften und der radikalen Ablehnung der historischen Tradition der katholischen Kirche – bestand. Mit dieser Bewegung vermischten sich am Rand die verspäteten Verteidiger der radikalsten gregorianischen Positionen. Aber dieser historischen Grundlage haben die Autoren des 12. bis 20. Jahrhunderts noch viele Dinge hinzugefügt.

    Wenn man die Quellen des 12. Jahrhunderts auf die „"Katharer“", Mitglieder einer abtrünnigen Kirche und Verfechter einer dualistischen Ontologie, hin untersucht, so wird man erstaunt sein, dass sie kaum Spuren hinterlassen. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts sind diese christlichen Splittergruppen, die nicht mit einer bestimmten Doktrin identifiziert werden können, in Konflikt mit jenen Geistlichen getreten, die keinen Zugang zu einem umfassenden Verständnis der Bewegung hatten. In allen großen Zentren der Dissidenz – sei es im Languedoc, in der Lombardei oder im Rheinland – erscheint die Häresie selbst für Zeitgenossen als ein undurchsichtiges Phänomen. Das Jahr 1163 kann demnach als Wendepunkt bezeichnet werden: Anlässlich eines Kirchenprozesses, der in diesem Jahr in Köln abgehalten wurde, verbreitet sich die Vorstellung der Existenz einer neuen Häresie, die monolithisch sowie doktrinär geeint ist und somit viel gefährlicher, einer Häresie, die ab diesem Zeitpunkt „katharisch“ genannt wurde. Eckbert von Schönau (* vor 1130, † 1184) ist der erste Autor des Mittelalters, der den Weg der terminologischen Vereinheitlichung geht.

    Sein Liber contra hereses katarorum (ca. 1160) stellt den ersten Versuch dar, die rheinische religiöse Dissidenz, die eine Quelle aus den 1130er Jahren noch als „zu vielfältig und komplex“, um sie unter „einem einzigen Wort“ zusammenzufassen, erachtet hat, auf einen einfachen Begriff zu reduzieren: Unter seiner Feder werden die Häretiker der nördlichen Länder zu „Katharern“. Seine diskursive Konstruktion beruht auf einer Mischung aus mehreren spätantiken Häresien, insbesondere der novatianischen Cathari, der manichäischen Catharistae und der montanistischen Cataphrygae. Die rheinländische Dissidenz vereint nun in sich die gesamten Polemiken, welche die Kirchenväter gegen diese drei Gruppen aufgebracht haben. Dennoch wählt Eckbert die schlimmste der Häresien, die von Augustinus von Hippo verurteilt wurden, die der Catharistae, um aus den Häretikern seiner Zeit Anhänger eines manichäischen ontologischen Dualismus’ zu machen. Daher kann er als Erfinder der manichäischen „katharischen“ Häresie gelten.

    Er zeigt sich auch erfinderisch bei neuen Techniken antihäretischer Propaganda: Berichte von Visionen und Exorzismen illustrieren seine gelehrte Polemik. Nachdem er sein anti-katharisches Buch dem einflussreichen Erzbischof von Köln, Rainald von Dassel, mit der Bitte es zu verbreiten, vorgelegt hat, benutzt er die Visionen seiner eigenen Schwester Elisabeth und die Hildegards von Bingen um seine Gedanken fundierter vorbringen zu können. Dadurch konnte er in direkter Rede, an Stelle Gottes, über die häretische Doktrin sprechen. Doch trotz seiner Bemühungen fanden die Konzepte, die er im Liber contra hereses katarorum entwickelt hatte, keine allgemeine Anerkennung. Die Bezeichnung „Katharer“ verbreitet sich zwar in der Lombardei, eventuell mittels der Kölner Erzbischöfe, die traditionellerweise kaiserliche Erzkanzler in Italien waren, aber dennoch gehen die „Katharer“ immer in einer Vielzahl von anderen Namen unter, ohne, dass man ihnen eine bestimmte Doktrin zuschreibt. In den Jahren 1170 ändert sich jedoch die Art, mit der Häresie umzugehen: Das Papsttum macht sie von nun an zu einem universellen Phänomen, das nicht mehr auf unterschiedliche Weise bekämpft werden soll, sondern in seiner ontologischen Einheit. Man beginnt die einzelnen Häresien als Ausfluss einer allgemeinen Häresie zu sehen, die sich als Bestandteil des Bösen den universellen Kräften entgegenstellt.

    Erst Mitte des 13. Jahrhunderts erfährt die Bezeichnung „Katharer“ eine enorme Sinnerweiterung: Die italienischen Inquisitoren fassen die Katharer weiterhin als Manichäer auf, wobei sie aber deren Ursprung nicht mehr nur aus den Schriften der Kirchenväter heraus erklären. Ihre Beschreibungen der Häresie werden nunmehr von den Inquisitionspraktiken, aber auch von Texten aus dem byzantinischen Balkanraum beeinflusst. Rainier Sacconi († 1262) ist der erste datierte und identifizierte Autor, der die „katharische“ Kirche als eine große Institution europäischen Ausmaßes beschrieben hat, in deren Innern ketzerische Riten und Sakramente praktiziert wurden, die fast genauso entwickelt waren wie in der Liturgie der katholischen Kirche. Durch die Verbreitung von Inquisitionshandbüchern entsteht erst dann ein viel genaueres Bild der katharischen Häresie, das die Geschichtsschreibung des Katharismus jedoch auf die Situation im 12. Jahrhundert übertragen hat. Trotzdem hat die Bezeichnung „Katharer“ selbst während der großen Inquisitionsfeldzüge im Languedoc (Mitte 12./Mitte 13. Jh.) weniger Bedeutung als man üblicherweise glaubt: Die „Katharer“ existierten in dieser Epoche nur, um vergangene Häresien hervorzurufen.
    In den „Geschichten der Kirche“ aus der Zeit der Reformation nimmt die mittelalterliche Häresie einen wichtigen Platz ein. Man beginnt damit ein beeindruckendes Verzeichnis der Häresien zu erstellen; die Sekte der „Katharer“ kommt darin vor, aber nur nach den Beschreibungen Augustinus’ oder Rainier Sacconis. Katholiken und Protestanten sind sich darin einig, diese als ein Vorspiel der Reformation zu sehen. In der Folge unternimmt die antiprotestantische kirchliche Geschichtsschreibung von Bossuet einen regelrechten Vorstoß in der Konstruktion eines antihäretischen Diskurses. Seine Histoire des variations des églises protestantes (1688) stützt sich nicht nur auf viele Neueditionen von Quellen (insbesondere die von Mabillon), sondern sie benutzt diese Quellen auch als Beweise für seine historische Argumentation. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es kein so vollständiges Werk in französischer Sprache über die Geschichte der Häresie. Aber Bossuet greift durch eine gewagte Konzeptualisierung in die Geschichte ein, nämlich indem er willkürlich den Manichäern alle häretischen Gruppen zuordnet, die nicht klar zu den Waldensern gehören. Er reduziert alle Häresien des Mittelalters auf zwei Gegenkirchen, die eine waldensisch, die andere manichäisch.
    Mitte des 19. Jahrhunderts folgt der Straßburger Protestant Charles Schmidt Bossuet in seiner sehr weitgefassten Auslegung der manichäischen Häresie. In seinen zwei Bänden der Histoire de la secte des Cathares ou Albigeois wird die manichäische Kirche von Bossuet zur „Sekte der Katharer oder Albigenser“. Charles Schmidt erfindet die katharische Häresie wieder neu.
    Mit Arno Borst und seinem berühmten Buch über die Katharer (1953) nähert man sich dem Ende der Konstruktion einer „katharischen“ Gegenkirche. Sich auf neue Quellen und neue wissenschaftliche Methoden stützend liefert Borst eines der letzten großen Werke, die immer noch die Überzeugung vertreten, dass die historische Forschung in der Lage ist, bis ins letzte Detail die mittelalterliche religiöse Splittergruppe zu beschreiben und das anhand von den Texten der Verfolger. Als wissenschaftlicher Bestseller gibt Borsts Buch der Geschichtsschreibung der katharischen Häresie einen neuen Impuls und hat über den Umweg der Populärwissenschaftlichkeit dazu beigetragen, dass überall in Europa den Katharern viel Sympathie entgegengebracht wird. Aber wie jedes wichtige Werk hat dieses Buch, heute sechzig Jahre alt, auch viel Kritik hervorgerufen, die die Geschichte der Dekonstruktion des Katharismus einleitet.
    Die Geschichtsschreibung der katharischen Häresie ist heutzutage geteilt. Auf der einen Seite sind diejenigen, welche in der Tradition von Arno Borst damit fortfahren, die Quellen, die aus der Verfolgung hervorgegangen sind als passende Zeugenaussagen zu behandeln, um eine wahrheitsgetreue Sozialgeschichte und eine Geschichte der Doktrinen der Dissidenz zu schreiben. Auf der anderen Seite stehen die, die sie zuerst und vor allem als Ausdruck einer kirchlichen Kultur sehen, die die soziale Realität anhand ihrer eigenen Raster aufschlüsselt. Während die einen sich der Worte der Verfolger bedienen, um eine Geschichte des Katharismus zu konstruieren, streben die anderen die Dekonstruktion eben dieser an, um die Ursprünge unseres Wissens über die Katharer zu hinterfragen. Aus der ersten Strömung gehen die Studien über den Ursprung, die Übertragung und die Vielfältigkeit der häretischen Doktrinen hervor, aus der anderen Analysen, die Konstruktion und Weitergabe eines als vollwertigen Teil des Repressionsdispositivs geltenden kirchlichen Diskurses betreffen, der durch die kirchlichen Institutionen im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts geschaffen wurde. Im ersten Fall werden die Informationen, die in den Texten enthalten sind, wie Ausdrücke authentischen Glaubens behandelt, im zweiten werden sie als Projektionen beurteilt, die mehr oder weniger von der sozialen Realität entfernt sind. Der Unterschied der heuristischen Ziele, Unstimmigkeit bezüglich des Status’ der Quellen und tiefe Uneinigkeit über hermeneutische Prinzipien machen bis heute das Zusammenlaufen dieser beiden Strömungen schwierig.

    Uwe BRUNN, 20. Juni 2016
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  • Bibliographie

    Über den Gebrauch der „Katharer“

    - Inventer l’hérésie ? Discours polémiques et pouvoirs avant l’inquisition, hrsg.Monique Zerner, Nice, 1998 (Collection du Centre d’Études médiévales de Nice, 2)).
    - L’histoire du catharisme en discussion. Le «concile» de Saint-Félix, hrsg.Monique Zerner, Nice, 2002 (Collection du Centre d’Études médiévales de Nice, 3).
    - Les cathares devant l’histoire. Mélanges offerts à Jean Duvernoy, hrsg. Martin Aurell, Cahors, Domaine historique, 2005.
    - BRUNN Uwe, Des contestataires aux «cathares». Discours de réforme et propagande antihérétique dans les pays du Rhin et de la Meuse avant l’Inquisition, Paris, 2006 (Collection des Études Augustiniennes, Série Moyen Âge et Temps Modernes, 41).
    - ZBÍRAL David, «Définir les “cathares”. Le dualisme dans les registres d’inquisition», Revue de l’histoire des religions, 2/2010, p. 195-210 [http://rhr.revues.org/7575].
    - MOORE Robert I., The War on Heresy. Faith and Power in Medieval Europe, Londres, 2012.

    Uwe BRUNN, 20. Juni 2016
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