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... diglossie

  • Über die Verwendung der Diglossie in der Mediävistik

    Benoît GREVIN, 18. Januar 2012 | 10. Dezember 2010

    Benoît GRÉVIN

    (Forscher – CNRS, Laboratoire de Médiévistique Occidentale de Paris)


    Das Konzept der Diglossie wurde von Charles Ferguson 1959 in die Fachwelt eingeführt. Er verwendet diesen Begriff der Soziolinguistik, um in einer Gesellschaft die konkurrierende Verwendung zweier Sprachvarianten hinsichtlich ihrer Funktion zu beschreiben. Die „hoch“ markierte Varietät, die durch Unterricht erlernt wird und normiert ist, ist für die schriftliche und besonders feierliche mündliche Kommunikation (Unterrichtung ex cathedra, politische Reden,...), d.h. für die formelle Kommunikation vorgesehen. Die „niedrig“ markierte Varietät, die man im Bereich der Familie erlernt, wird in der alltäglichen Kommunikation und in informellen Kontexten (Sprache der Familie, auf der Straße, dem Markt,...) verwendet und ist nicht oder nur bedingt verschriftlicht. Das ursprüngliche Modell dieses Konzepts nimmt einerseits an, dass die beiden Sprachen hinsichtlich ihres Ursprungs miteinander verbunden sind – die hohe Varietät sei die archaische „Mutter“ der niederen Varietät –, andererseits, dass die beiden Varietäten gegenseitig nicht verständlich sind. Das Konzept beruht auf der Analyse von zeitgenössischen Beispielen (arabische Dialekte / klassisches Arabisch; Schweizerdeutsch / Standarddeutsch; Kreol as Haïti / Französisch; demotisches Griechisch / Katharevousa). Es wurde von Anfang an auch schon auf das Mittelalter ausgedehnt (Latein / romanische Sprachen; klassisches Arabisch / Entstehung der arabischen Dialekte) und im Lauf der Jahrzehnte verändert, um analoge Situationen zu beschreiben, die aber nicht auf das Schema Fergusons reduziert werden konnten, wie beispielsweise die Überlagerung zweier Sprachen, die keinen direkten entwicklungsgeschichtlichen Bezug zueinander haben, im Hinblick auf ihre Funktion (z.B. Mittelhochdeutsch / Latein des Hochmittelalters).

    Die Debatte, die bzgl. der Anwendung der Diglossie auf die Sprachgeschichte des Mittelalters geführt wird, ist ein gutes Beispiel für die Probleme, die sich durch die Einführung soziolinguistischer Konzepte in die Mittelalterliche Geschichte ergeben. Das Modell ist sehr nützlich, um zusammenfassend die sprachliche Situation zu beschreiben, die über einen Großteil des Mittelalters die Romania (alle Gebiete, in denen eine romanische Sprache gesprochen wurde) oder sogar das ganze lateinische Abendland beherrscht. Dort kommen die Praxis des Lateins, das als Schriftsprache (es hatte lange Zeit eine Monopolstellung als Schriftsprache) und zu feierlichen Anlässen auch als gesprochene Sprache dient, und die informelle Praxis der Vernakularsprachen (die „Vulgärsprachen“, um die geläufige mittelalterliche Terminologie aufzunehmen), die zunächst auf den mündlichen Bereich beschränkt waren. Der Begriff ist eine besonders große Hilfe, um zu beschreiben, wie sich das symbolische Prestige des Lateins, seine relativ geringe Verbreitung in der Gesellschaft und die unausgeglichene Beziehung, die es zu den Vernakularsprachen unterhielt, verbinden. Die Anwendung des Diglossie-Modells auf die Beschreibung einer ganzen Reihe von mittelalterlichen Sprachsystemen und ihrer Entwicklung wurde jedoch seit den 1920er Jahren von der historischen Soziolinguistik schwer angegriffen und dies aus mehreren Gründen:
    - Das Modell berücksichtige die Entwicklung nicht, die die Romania im Frühmittelalter (5.-8./9. Jahrhundert) kennzeichnet, als das sprachliche continuum (d.h. ein Mindestmaß im Verständnis untereinander) zwischen Latein und den proto-romanischen Varietäten noch nicht auseinander gegangen ist. Im Falle von Proto-Französisch und Latein im merowingischen Gallien des 7. Jahrhunderts kann man nicht von Diglossie sprechen, da es sich um zwei unterschiedliche Varietäten ein- und derselben Sprache handelt.
    - Es ist ungenügend, um die komplexe sprachliche Situation eines Großteils der mittelalterlichen Gesellschaften zu beschreiben. Die Sprachsysteme, die für das England des 12. Jahrhunderts (Latein / Englisch / Französisch / Keltisch) oder den karolingischen Hof (Latein / romanisches Proto-Französisch/ Fränkisch), ganz zu schweigen von der komplexen Situation in Sizilien (Arabisch / Griechisch / Latein im normannischen Reich) dokumentiert sind, lassen sich nicht auf ein Modell der Diglossie reduzieren. Das Konzept der Polyglossie oder der Vielsprachigkeit scheint angebrachter zu sein, um diese Situationen zu beschreiben.
    - Schließlich gibt die Diglossie die Komplexität der genauen Wechselwirkung zwischen den unterschiedlichen sprachlichen Varietäten schlecht wieder, welche die soziolinguistischen Bereiche in verschiedene Epochen des Mittelalters strukturieren. Die beiden Pole, die von Ferguson beschrieben wurden, haben zum Teil für die Analyse der Quellen keinerlei Wirkung, insofern die ständige Wechselwirkung zwischen den hohen und niedrigen Varietäten in der sprachlichen Kommunikation dazu führt, dass sich Mischformen bilden und sich auf die Schrift niederschlagen. Das Latein der merowingischen Kanzlei oder die katalonischen Urkunden des 10. Jahrhunderts kann man als verfälschtes Proto-Romanisch in lateinischer Schreibweise, aber genauso als ein weiterentwickeltes Latein sehen. Im Spätmittelalter zeigen eine Vielzahl von Rechnungs- und Verwaltungsschriften ein sprachlich sehr hybrides Erscheinungsbild, halb Latein, halb Romanisch: Rechnungen für die Malereien im Papstpalast in Avignon (14. Jh.), das Sizilianisch der verschiedenen Kanzleien abwechselnd unter lateinischem oder romanischem Einfluss (15. Jh.). Ebenso zeigt der aufhaltsame Aufstieg der „Vulgärsprachen“ im schriftlichen Bereich, von den ersten Versuchen des Aufzeichnens von Althochdeutsch und Altenglisch im Früh- und Hochmittelalter bis zum graduellen Aufstieg der romanischen Sprachen vom 13. bis 15. Jahrhundert, die Notwendigkeit, die Analysen zu verfeinern, um im Einzelnen den Prozessen der Wechselwirkung Rechnung zu tragen, die für die mittelalterlichen Kommunikationssysteme so wichtig sind. Die Dynamik, die sich zwischen den lokalen Dialekten, der höfischen Prägung der Vulgärsprachen und dem Latein am Ende des Spätmittelalters entwickelt (in Italien die Dialekte / das edle volgar / Latein; in Frankreich die Dialekte / das Französisch des Königs / Latein) ist nicht mit einem bipolaren Modell darstellbar. Deswegen ist es notwendig, auf andere Modelle zurückzugreifen (créolisation, code-switching…), um diese Untermodelle im Détail zu beschreiben.

    Dass man bei der Analyse der soziolinguistischen Dynamik des Mittelalters solange oder wieder auf die Diglossie zurückgreift, zeigt jedoch, dass dieses Konzept eine große Anziehungskraft hat und dies auch noch ein halbes Jahrhundert nachdem es Verbreitung fand. Sein Erfolg und seine Grenzen erklären sich dadurch, dass es im Groben seine Richtigkeit hat, aber im Detail Defizite aufweist. In der mittelalterlichen Gesellschaft gab es tendenziell wohl Diglossie. Sie bewertete den schriftlichen Gebrauch der heiligen und althergebrachten Sprachen (Latein für das christliche Abendland, klassisches Griechisch für die byzantinische Welt,...), die sich im Bruch zur ursprünglichen Sprache entwickelten und mit einem größtmöglichen normativen und symbolischen Wert ausgestattet wurden, insofern, als dass sie Träger der heiligen oder klassischen Texte waren, welche die Grundlage ihrer ideologischen Legitimation bildeten. Die Beziehung zwischen diesen Sprachen, die von einer Elite gepflegt wurden, und den Sprachvarianten, die vom Großteil der Bevölkerung gesprochen wurden, ist ideologisch unausgeglichen, und dies wurde als gegeben akzeptiert. Das Modell der Diglossie bewahrt seine Richtigkeit, um schematisch die Beziehung zwischen den am meisten und am wenigsten geschätzten sprachlichen Varietäten zu fassen und deren ideologisches Gewicht zu messen. Es muss beiseite gelegt oder neu interpretiert werden, um die Einzelheiten der sprachlichen Kommunikation zu beschreiben, sei es in den allgemeinen Entwicklungen (die fortschreitende Trennung zwischen Latein und den romanischen Sprachen zwischen 500 und 900; Schrift und fortschreitender Aufstieg der Vulgärsprachen zwischen 1100 und 1500), oder in den Detailbeschreibungen (Polyglossie / Mehrsprachigkeit und die Zunahme der sprachlichen Wechselwirkungen, im schriftlichen genauso wie im mündlichen Bereich). Es handelt sich also um ein dialektisches Konzept, das zwangsläufig als erste Annäherung an die soziolinguistische Dynamik des Mittelalters zu verwenden ist, dann aber zugunsten von anderen Modellen relativiert oder neu interpretiert werden muss, die in ihrer soziolinguistischen, ideologischen und philologischen Detailanalyse weniger schematisch sein sollten.


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  • Bibliographie

    Benoît GREVIN, 28. Juni 2016 | 18. Januar 2012

    Über die Verwendung der Diglossie

    - FERGUSON Charles, «Diglossia», Word, 15, 1959, S. 325-340.
    - BANNIARD Michel, „Viva voce“. Communication écrite et communication orale du IVe au IXe siècle en Occident latin, Paris, 1992.
    - LODGE Anthony R., Le français. Histoire d’un dialecte devenu langue, Paris, 1997.
    - GRÉVIN Benoît, «La résistible ascension des vulgaires. Contacts entre latins et langues vulgaires au bas Moyen Âge; Problèmes pour l’historien», Sonderheft der Mélanges de l’École Française de Rome Moyen Âge, 117/2, 2005.
    - Zwischen Babel und Pfingsten. Sprachdifferenzen und Gesprächsverständigung in der Vormoderne (8.-16. Jh.), Peter von Moos (Hg.), Wien, 2008.


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